Grafschafter Schulgeschichte

Zurück zur Startseite    l   Zur Übersicht "Entwicklung des Schulwesens"

Eine Aufbauschule nach der Grafschaft Bentheim

von Heinrich Specht

Im  Abgeordnetenhause unterhielt man sich vor einiger Zeit über Schulfragen. Im Verlauf der anregenden Aussprache gab der Minister Becker bekannt, dass man mit dem  Abbau der Seminare begonnen habe und diese in einigen Jahren ganz verschwinden sollten, was auf allen Bänken lebhaften Beifall fand. Gleichzeitig teilte er mit, dass der Staat einen neuen Typ der Oberschulen in der so genannten deutschen Aufbauschule schaffen und in dieser strebsame Schüler nach Vollendung des 13. Lebensjahres in fünf bzw. sechs Jahren bis zur Universitätsreife bringen wolle. Zunächst sollen 50 Aufbauschulen zum 1. April des Jahres ins Leben treten und zwar in Kleinstädten, die keine höhere Schule besitzen und weitab von Gymnasialorten liegen, damit das Land als Rekrutierungsgebiet erhalten bleibt.

Die Grafschaft Bentheim steht dieser Entwicklung nicht uninteressiert gegenüber. Sie blieb in Bezug auf höhere Schulen bisher das Stiefkind der Regierung. Nur einmal beherbergte eine Grafschafter Stadt (Schüttorf 1591) eine höhere Schule in ihren Mauern und dann niemals wieder. Viele Gemeinwesen in nächster Nachbarschaft waren und sind glücklicher daran als unsere größeren Orte. Man denke an Rheine, Lingen, Meppen, Papenburg und Gronau z. B., eine Stadt von 13.000 Einwohnern (also kaum volkreicher als Groß-Nordhorn) besitzt ein humanistisches Gymnasium, eine Real- und Oberrealschule, ein Lyzeum, ein Oberlyzeum; Hameln, eine Stadt von 22.000 Einwohnern, ein humanistisches Gymnasium, ein Reformgymnasium, ein Lyzeum, ein Oberlyzeum, eine Präparande und ein Seminar. und unsere engere Heimat mit 44.000 Eingesessenen und großen Entwicklungsmöglichkeiten infolge der rasch fortschreitenden Kultivierung der Ödländereien und des Aufblühens seiner Textilindustrie - nichts von alledem. Nur gut bemittelte  Bürger und Bauern vermochten bisher von hier aus ihre Kinder mit außerordentlichem Kraftaufwande in eine höhere Bildungsschicht zu projizieren. In der Niedergrafschaft genossen wegen der völlig unzulänglichen Schulverhältnisse nicht einmal 1 % aller schulpflichtigen Kinder eine etwas weiterführende Bildung als die Volksschule vermitteln kann, und fast alle im Kreis tätigen Pfarrer, sehr viele Lehrer usw. entstammen nicht der Gegend.

In nächster Nähe löst die Regierung nun drei Lehrerbildungsanstalten auf, zwei in Osnabrück und eine in Aurich. Die genannten Städte sind mit höheren Schulen genügend versorgt und erhalten deshalb keine Aufbauschule. Der Staat spart dort also bedeutende Summen. Wir erwarten nun auf das Bestimmteste, dass er sich diesmal unseres abgelegenen Landteils erinnert und in Neuenhaus oder Nordhorn für die heranwachsende Jugend eine Aufbauschule errichtet. Sie tut uns bitter not. Wer kann sonst in Zukunft von der Mittel- und Niedergrafschaft noch Kinder zu höheren Schulen schicken?

Die Volksschule hat nach 1870 die Grafschaft Bentheim für die deutsche Sprache zurückerobert und sich bemüht, sie zur lebendigen Zelle im Reichskörper zu machen. Ein Aufbauschule könnte im Grenzbezirk in dieser Beziehung noch Wesentliches leisten. Ihre Gründung wäre eine nationale Tat!

Quelle: Der Grafschafter 11. Februar 1922