Grafschafter Schulgeschichte

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Die Grafschafter Schule in alter Zeit

von Th. Windus, Wietmarschen

Bereis Plinius sagt in seinem 4. Buche: "Warum habt ihr keine Lehrer hier? Es sollte euch Väter äußerst angelegen sein , eure Söhne unterrichten zu lassen. Ich bin bereit, das Drittel der Summe zu bezahlen, die ihr zur Gründung einer Lehranstalt ansetzen werdet. ... Ich befürchte, dass, wenn ich mehr zahle, eure Vorsicht bei der Wahl der Lehrer beeinträchtigt werden könnte." Im 10. Jahrhundert ist es Scheffel, der mehrfach in seinem "Ekkehard" vom Schulunterricht spricht. So steht ´Retper` vor uns, der erprobte Lehrmeister an der Klosterschule von St. Gallen, er, von dem es heißt: immer unwillig fuhr er auf, wenn ihn das Kapitelglöckchen von seinen Geschichtsbüchern abrief. Einst holte dieser aus seinem Holzverschlage eine mächtige Rute hervor, denn "die Bewegung in den Bänken ward stärker , es summte und brummte wie ferne Sturmglocken, zur Übersetzung kam´s nicht mehr ...". An anderer Stelle lesen wir: "Sitzt der Bub jeden Tag acht Stunden hinter seinen Eselshäuten. ..." War es da zu verwundern, wenn den jungen Klosterschülern, die fein säuberlich jene Pergamentblätter zu beschreiben hatten, deren Linien punktiert waren, damit die Buchstaben gerade und eben darauf zu stehen kamen, bei einem Unterricht von acht Stunden die Lust verging? Jakob Wimpheling, der große Lehrer und Erzieher Deutschlands, berichtet im Jahre 1496: "Die Grundbedingung eines tadellosen  Lebens, die Zierde eines jeden Standes, die echte Grundlage der Religion, der sichere Sieg über das Sittenverderbnis und die Leidenschaft, alles dies beruht auf einer guten Erziehung." Ein Jahr später stimmt er in seinen Schriften mit dem überein, was schon der Kirchenlehrer Augustinus  gepredigt hatte: "Der Lehrer soll unablässig seinen Schülern das Gute und Schöne vorhalten, Tugend loben, Laster aber brandmarken;  denn Johannes Chrysostomus lehrt schon, dass die müßige und schlecht erzogene Jugend verderblicher ist als die wildesten Tiere.

Der Chronist, Mönch J.B.S. vom Kloster Marienrode (Wietmarschen) berichtet, dass der Abt Albrecht von Merseld (um das Jahr 1500)  und seine Nachfolger: Henricus Farwik und Bernadus Smysynk (1540 bis 1550) "freywillig nach erledigen der kinderndienste  in Gottesforcht die kinder erzog". Hermannus J. Jüdeselt-Yodenecht, der mit Glücksgütern reich gesegnet war, beschenkte oftmals diejenigen Kinder der Bauern, Heuerleute und Arbeiter, die am Unterricht regelmäßig teilnahmen. Äbtissin van Münster, eine Zeitgenossin der Stiftsdame  Marg. Benedicta Droste vom Hause Hülshoff (1675 bis 1679 in Wietmarschen) setzte ihre Ehre darin, die Kinder der Gemeinde "for Godslohn" (d.h. umsonst) zu belehren.

Während dieser Zeit schreibt ein Pastor im Februar 1676: " .... ich auf halben Theil meines geldes den Armen vertestamentirt, jedoch für rathsam halte, dass das vermachte Gut auf eine Schulmeisterey veränderd und verwended werde. Auch die Kinder der armen bey denen das geld fehlet, in christlicher Lehr undt in schreiben undt lesen sollen belehret werden." An einer anderen Stelle befindet sich der Satz: "... so die vermögen, die sollen es (d.h. Schulgeld) geben, so es aber nich könen soll der Schullehrer um Godts willen lehren." (30.9.1683)

Nachdem man nun in den Jahren 1750 etwa, auch auf dem Lande, die Gründung einer Schule allgemein als eine Wohltat für die Familie erkannt und besondere Lehrkräfte angestellt hatte, kamen 1763 Verordnungen für ganz Preußen heraus. Diese sprechen von vernünftiger und zugleich christlicher Bildung, von Gottesfurcht und Gewinnung nützlicher Kenntnisse. Die Lehrerpersonen sollen von tiefer Frömmigkeit beseelt sein. Durch ihre Aufopferung und durch das gute Beispiel möchten sie ihre Schüler schon hienieden glücklich machen.

Sollte nun ein Lehrer an diese hehre Aufgabe mit Lust und Liebe herantreten, so hätte man doch mit Fug und Recht erwarten müssen, dass auch in pekuniärer Hinsicht gesorgt worden wäre. Das war aber leider nicht der Fall. Über diese traurigen Verhältnisse in der Grafschaft habe ich bereits eine Abhandlung verfasst ("Sigismund Melchers, der Schulmeister"). Wie stand es dann damit in anderen Gegenden?

Vor mir liegen Akten, die besagen, dass in einem gewissen Bezirk der Lehrer für jedes Schulkind 10 Schillinge auf das Schuljahr erhielt. Von der Stadt erhielt er dann noch 30 Schillinge für jedes Vierteljahr und zwei Klafter Holz für Heizung des Schulzimmers. Ein anderer Bericht erzählt: "Sofern der Schulmeister das Bürgerrecht erlangte, musste er den Befehlen der Stadtobrikeit gehorchen. Er bekam freie Wohnung, Heizung und Beleuchtung. Nebeneinkünfte waren: Schulgeld und Besoldung bei Ausübung kirchliche Funktionen".

Das Gehalt eines Lehrers war also allenthalben unzureichend. Dabei gingen aber von Zeit zu Zeit neue Verfügungen durchs Land, die immer größere Ansprüche stellten. "Unsere väterliche Obsorge für das beständige Wohlergehen Unserer Unterthanen lenkt Unser Augenmerk besonders darauf, dass die Schulmeistereyen nur mit tüchtigen Lehrern besetzt seyn sollen usw." Das Schriftstück fährt dann fort:  "Gemeinden, so bis dato ihre Lehrer selbst ernannt haben, lassen wir das Recht, aber unter der Bedingung, dass die Bewerber um Lehrstellen ein Fähigkeitszeugnis von Unserer hohen Behörde aufzuweisen vermögen. Drei an der Zahl dürfen die Gemeinden aus den Bewerbern aussuchen, während Unsererseits derjenige bestätigt werden wird, der nach Prüfung als der fähigste sich wird erweisen.

Etwa ein halbes Jahrhundert später, nämlich im Jahre 1810, gibt uns der Bürgermeister Lagemann in Wietmarschen bei seinem interessanten Bericht "aus der Munizipalität Wietmarschen, Arrondissement Lingen, Departement der Ems" über die Lage auf dem Gebiete des Schulwesens diese Schilderung: "Bei der Aerndtezeit pflegt der Landmann seine Kinder zu Hause zu halten. In der Commune Bokold wird im Sommer nichts auf Schulhalten gerechnet, und Winterschulen bey einem Schul-Unterricht, wie er dermalen ist, lässt nicht viel versprechen. Schreiben ist wohl außer Religions-Lehre der Hauptgegenstand, Rechenkunst oder sachliche Abhandlung über Naturkunde kennt man kaum dem Namen nach. Und man kann auch von den dermaligen Schullehrern mit den wenigen Emulomenten, die selbe genießen, nicht viel mehr erwarten. Ein guter Schullehrer verlangt mit Recht, gute Besoldung und mehr Achtung, als er würklich bey den wenigen genießt".

So kam es, dass das Schulwesen in der Grafschaft Bentheim lange, lange Zeit darnieder lag, bis man endlich erkannte, dass unsere Schulen eine Pflanzstätte für Staat und Kirche bedeuteten!

Quelle: Der Grafschafter, 17.1.1921