Grafschafter Schulgeschichte

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Eine Orientierungsstufe für Gildehaus
Elternbefragung und Resolution des Gemeinderates 1972

1. Unter dem Vorsitz des Ratsherrn Dr. Stach beschäftigen sich die Mitglieder des kommunalpolitischen Arbeitskreises  der Gildehauser UWG/CDU-Fraktion im Juli 1971 mit den Problemen der Schule. Vor den Mitgliedern des neu ins Leben gerufenen Arbeitskreises , dem außer Ratsherren auch Gildehauser Bürger angehören, referiert in einer gut besuchten Veranstaltung Rektor Ragnitz. Er teilt mit, die Gesamtkonferenz seiner Schule sei zu dem Ergebnis gekommen, dass in Gildehaus eine Orientierungsstufe eingerichtet werden müsse. Außerdem vertrete man im Kollegium einmütig die Auffassung, dass die Gildehauser Mittelpunktschule zu einem Nebenzentrum ausgebaut werden müsse. Gegenwärtig seien je ein Hauptzentrum  für Schüttorf und Bentheim im Gespräch. In einem ersten Schwerpunkt seines Referates beschäftigte sich Ragnitz mit einem Schulversuch, den es damals nur in Gildehaus gab. Dabei handelt es sich um Vorschulklassen, in denen noch nicht schulpflichtige Kinder innerhalb der Schule auf den eigentlichen schulischen Unterricht vorbereitet werden. Laut Ragnitz haben sich diese Vorklassen "gut bewährt". So habe die Schulreifeuntersuchung ergeben, dass die Kinder in diesen Klassen eine "wesentliche Förderung und eine gute Vorbereitung auf die Schule erhalten hätten". Als die beiden wichtigsten Aufgaben im Zuge der Schulreform  nannte Ragnitz für den Gildehauser Raum die Auflösung der wenig gegliederten Landschulen und die Einführung der Orientierungsstufe, die in "Niedersachsen generell 1973 eingeführt werden soll". Ragnitz berichtete weiter, dass "wegen der Großräumigkeit Niedersachsens" Überlegungen angestellt würden, neben den vorgesehenen großen Schulzentren auch kleinere Zentren zuzulassen. Diese Nebenzentren könnten aus einer Orientierungsstufe und der darauf aufbauenden Hauptschule bestehen. Zur Vorbereitung dieser Konzeption sei in Gildehaus ein achtköpfiger Ausschuss gebildet worden, der dem Schulzweckverband Gildehaus-Hagelshoek empfohlen habe, bei der Regierung die Einführung der Orientierungsstufe für 1973 zu beantragen.

2. Am 28. Februar 1972 verfasste der Schulelternrat der Volksschule Gildehaus nach einer Versammlung der Elternschaft eine Resolution, die den Wunsch auf Einrichtung einer Orientierungsstufe auch in Gildehaus zum Gegenstand hatte. Das positive Votum der Elternschaft veranlasste den Schulelternrat, durch eine schriftliche Umfrage die Meinung der Bürger zur Einrichtung der Orientierungsstufe zu erkunden. Es wurden folgende Auswahlantworten vorgegeben:
A. Ich befürworte,
dass auch in Gildehaus eine Orientierungsstufe eingerichtet wird.
B. Ich befürworte, dass nur in Bentheim eine Orientierungsstufe eingerichtet wird.
C. Mir ist der Standort der Orientierungsstufe gleichgültig.
D. Ich enthalte mich der Stimme.
Insgesamt wurde 3037 Stimmen abgegeben, davon für
A. 3006 Stimmen =  99,0 %
B:      6 Stimmen =   0,2 %
C:      8 Stimmen =   0,3 %
D:     17 Stimmen =   0,5 %

Die Stimmen verteilen sich wie folgt auf die Gemeinden:
                                  A         B      C      D      Summe A-D
Gildehaus                 2001      3      -     13        2017
Hagelshoek               215       -       3     -          218
Holt und Haar             85      -        2     -           87
Waldseite                   202      -       -      -         202
Westenberg                105      -       -      -         105
Achterberg                 182      -       -      2         184
Sieringhoek                 45      2      3      -           50
Bardel                        171     1      -      2         174
                                3006     6       8    17       3037
Quelle: GN, 22.7.1972

3. Nachdem sich die Schulzweckverbände, der Schulelternrat und zuletzt die Einwohner des Kirchspiels für die Einrichtung einer Orientierungsstufe in Gildehaus ausgesprochen haben, setzt sich der Rat der Gemeinde in seiner Sitzung abschließend mit diesem Thema auseinander. Zuvor hatte der Rat bereits in verschiedenen Sitzungen über die Orientierungsstufe diskutiert. Jetzt fasst der Rat einstimmig folgende Resolution, die den zuständigen Stellen zugeleitet werden soll:
"Die Ratsherren der im Rat der Gemeinde Gildehaus vertretenen Gruppe UWG/CDU und der Fraktion der SPD begrüßen die Planung der Landesregierung, die die Einführung der Orientierungsstufe zunächst als Angebots- und später als Regelschule vorsieht. Mit Sorge haben wir die Verlautbarungen des Jahres 1972 aus dem Kultusministerium und des Regierungspräsidenten in Osnabrück zur Kenntnis genommen, die nicht mehr im Einklang mit den Auskünften seitens des Regierungspräsidenten vom Frühjahr 1971 stehen, wonach die Einrichtung der Orientierungsstufe in Gildehaus vorgesehen ist. Wir begrüßen die Initiativen des Schulzweckverbandes, des Schulelternrates und der Gesamtkonferenz der Lehrkräfte in Gildehaus, die einstimmig die Einführung der Orientierungsstufe in Gildehaus anstreben. Wir unterstützen die auf der Elternversammlung am 28.2.1972 einstimmig beschlossene Resolution, in der die baldmögliche Einrichtung der Orientierungsstufe an der Hauptschule in Gildehaus gefordert wird, und halten unseren Antrag mit Begründung vom 31.1.1972 an den Regierungspräsidenten in Osnabrück aufrecht.
Aus kommunalpolitischen Gründen halten wir es unbedingt für erforderlich, die Hauptschule in Gildehaus unter Einbeziehung der Orientierungsstufe zu erhalten und mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern, dass unsere gut funktioniernde Mittelpunktschule zu einer Grundschule abgestuft wird. Nur wenn uns dies gelingt, wird es möglich sein, die kontinuierliche Entwicklung unseres Ortes zu gewährleisten und den Wohnwert zu erhalten. Wir erklären unsere Bereitschaft, wie in der Vergangenheit so auch in der Zukunft im Rahmen unserer Möglichkeiten, die sächlichen Voraussetzungen für eine optimale Unterrichtserteilung zu schaffen und erwarten von der Landesregierung und den zuständigen Verwaltungsinstanzen, dass die personalen Voraussetzungen erfüllt werden, die die Einrichtung und den Betrieb der Orientierungsstufe in Gildehaus ermöglichen. In Anbetracht der Tatsache, dass die grundlegenden Entscheidungen nur im Landtag gefällt werden können, fordern wir die im Landtag vertretenen Parteien auf, Sprecher zu ernennen, die im Rahmen einer Bürger- bzw. Elternversammlung den Standpunkt ihrer Partei erläutern, und bitten die unseren Raum im Landtag vertretenen Abgeordneten Arends und Buddenberg darzulegen, ob sie unsere Forderung auf Einführung der Orientierungsstufe in Gildehaus unterstützen würden".
Quelle: GN vom 28.7.1972

4. Folgender Grund führte dazu, dass die Forderungen von Gildehaus nicht erfüllt wurden:
Im "Gesetz zur Änderung schulrechtlicher Vorschriften" vom 14.6.1973 heißt es in § 1 b (1) u. a.: "Die Orientierungsstufe wird organisatorisch entweder selbständig oder bei der Hauptschule geführt. Sie hat wenigstens sechs Züge, die Schulaufsichtsbehörde kann Ausnahmen zulassen".
Die Volksschule Gildehaus war zu der Zeit nur zwei- bis dreizügig und nicht in der Lage, die angestrebte Sechszügigkeit zu erreichen. Auch die Überlegungen, eine Orientierungsstufe gemeinsam mit dem Klostergymnasium Bardel einzuführen, scheiterte daran, dass private Gymnasien nicht verpflichtet wurden, die Jahrgänge 5 und 6 als Orientierungsstufe zu führen.
Die Einführung der Orientierungsstufe erfolgt dann 1979 gemeinsam für Bentheim und Gildehaus als selbstständige Orientierungsstufe am Standort Bentheim.