Grafschafter Schulgeschichte

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Ernst Buermeyer

14.12.1883 - 16.3.1945
von Helmut Lensing

Ernst Buermeyer, geboren am 14. Dezember 1883 in Meesdorf/Kreis Melle, gestorben am 16. März 1945 in Ostercappeln, evangelisch-lutherisch, war Lehrer und Politiker.

Ernst Buermeyer, der Sohn des Landwirts Christian Heinrich Buermeyer und seiner Ehefrau Anna Marie Louise, geborene Baute, ging in seinem Heimatort Meesdorf von Ostern 1890 bis 1898 zur Volksschule. Da er Lehrer werden wollte, absolvierte er im Anschluss daran an der Präparandenanstalt in Osnabrück drei Vorbereitungsjahre, wonach er für drei Jahre das Osnabrücker Lehrerseminar besuchte. Er trat 1904 in den Schuldienst ein und erhielt in der Niedergrafschaft Bentheim seine erste Anstellung. Im Januar 1906 wechselte Buermeyer in die Obergrafschaft Bentheim zur Gildehauser evangelischen Volksschule. Er heiratete am 2. November 1909 D i n a Hermina Koonert (* am 14.12.1885), die Tochter des evangelisch-reformierten Gildehauser Landwirtehepaares Diederich und Elisabeth Gesina Koonert, geborene Holtkamp. Aus der Ehe stammten zwei Töchter und ein Sohn. 

Seit der Novemberrevolution von 1918 begann er sich politisch zu betätigen und schloss sich umgehend der rechtsliberalen "Deutschen Volkspartei" (DVP) an. Für die DVP, deren Gildehauser Ortsgruppe er vermutlich zumindest zeitweilig leitete und in deren Grafschafter Organisation er gleichfalls hochrangige Positionen bekleidet haben dürfte, kandidierte er bei verschiedenen Wahlen. Zugleich engagierte er sich während der Zeit der Weimarer Republik im Landkreis als Wahlredner. Dabei verdankte es die DVP unter anderem dem Einsatz des angesehenen Buermeyer, dass sie in der Grafschaft lange Zeit Wahlergebnisse über dem reichsweiten Durchschnitt erhielt. So erzielten die Rechtsliberalen in der Grafschaft 1919 21,7% (im Reich 4,4%), im Dezember 1924 17,5% (im Reich 10,1%) und 1928 11,6% (auf Reichsebene 8,7%).

Dem 1919 neu gegründeten Grafschafter Kreislehrerverein gehörte er im Vorstand an. Seine bedeutende politische Rolle und seine Wertschätzung im Ort schlugen sich im Oktober 1920 in der Wahl zum Nachfolger des zurückgetretenen Bürgermeisters Bernhard Hagels (* 1858) nieder. Gildehaus wies 1919 1396 Einwohner auf, 1928 1704 und 1932 wohnten dort 1817 Personen, von denen nahezu 89% evangelisch-reformiert waren. Als Gildehauser Bürgermeister setzte Buermeyer sich mit Erfolg insbesondere für die Schaffung von Arbeitsplätzen ein, wodurch er es erreichte, dass in Gildehaus ein weit unterdurchschnittlicher Kommunal-Steuersatz gezahlt werden musste. Er gründete am 24. Juli 1921 angesichts der ansteigenden Inflation und des bäuerlichen Bargeldmangels eine genossenschaftliche Spar- und Darlehenskasse. Nach diesem Vorbild folgte im Juni 1923 ein Pendant in Bentheim. Die damals im Volksmund "Burenbank" genannte Sparkasse besteht heute unter dem Namen "Volksbank Bad-Bentheim-Gildehaus" weiter. 

Buermeyer unterhielt ausgezeichnete Verbindungen zu seinen niederländischen Amtskollegen und zur niederländischen Presse, was seinen Bemühungen zur Wirtschaftsförderung vielfach zugute kam. 1921 erstmals in den Grafschafter Kreistag eingezogen, erfolgte 1925 und 1929 seine Wiederwahl auf einer Interessenliste für Gildehaus und Umgebung. Da er Anfang 1930 in den einflussreichen Kreisausschuss delegiert wurde, legte er - einem in der Grafschaft üblichen Modus folgend - sein Kreistagsmandat nieder. Von Anfang 1930 bis zu den Märzwahlen 1933 fungierte Buermeyer als stellvertretender Landrat, wobei ihm u. a. die Betreuung der freiwilligen Arbeitsdienstlager oblag, die vornehmlich der "Jungdeutsche Orden" in der Grafschaft unterhielt. Im November 1929 zog er für die DVP als einer der beiden DVP-Abgeordneten des Regierungsbezirks Osnabrück in den hannoverschen Provinziallandtag ein. Buermeyer errang in Gildehaus 487 von 638 Stimmen (= 76,3%), während die DVP auf Kreisebene mit 4711 Wählern 23,3% der Stimmen erzielte. 

Im Provinziallandtag setzte er sich bis 1933 für größere Anstrengungen der Provinz bei der Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur in der Grafschaft ein, insbesondere für den Bau einer Provinziallandstraße zur niederländischen Grenze. Deren Bau schuf Arbeit für viele arbeitslose Obergrafschafter. In Gildehaus betätigte Buermeyer sich als führendes Mitglied im Kriegerverein und setzte sich überdies als Kreisjugendpfleger für die Weiterbildung und soziale Absicherung der von Arbeitslosigkeit bedrohten Jugend ein. Ferner war er Mitbegründer des Gildehauser Turnvereins und des Verschönerungsvereins. Aufgrund seiner Initiative entstand im Ort außerdem ein weithin gerühmter Bürgergarten. Darüber hinaus setzte Ernst Buermeyer sich als Bürgermeister erfolgreich dafür ein, dass die Arbeiterschaft die Möglichkeit erhielt, in den Besitz von Eigenheimen mit Gärten zur Eigenversorgung mit Lebensmitteln zu kommen. In der Weltwirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre erreichte er es, dass niederländische Firmen Lohnarbeit nach Gildehaus vergaben. Nebenbei betrieb der Pädagoge ein Fachstudium in Münster, nach dessen Abschluss er 1927 eine freigewordene Gildehauser Rektorenstelle einnehmen konnte.

Als der Gildehauser Arzt Dr. Josef Ständer (1894-1976) 1929 eine Ortsgruppe der NSDAP im Dorf gründete, endete die bisherige politische Ruhe im Ort. Es setzte bald eine scharfe politische Kampagne der Nationalsozialisten gegen den Bürgermeister ein, wobei auch starke persönliche Animositäten Dr. Ständers gegen Buermeyer mitspielten. Der NSDAP-Kreisleiter warf dem Bürgermeister vor, ihn beruflich ruinieren zu wollen, weil Buermeyer im Auftrag der Gemeinde einen zweiten Arzt nach Gildehaus geholt hatte. An der versuchten Demontage Buermeyers durch die Nationalsozialisten, die einen ersten Höhepunkt um die Jahreswende 1932/33 fand, beteiligte sich auch der NSDAP-Landtagsabgeordnete Hans Gronewald (1893-1972) durch eine Buermeyer betreffende und dessen pädagogischen Ruf schwer schädigende Landtagsanfrage. 

Die Gildehauser Bevölkerung stand jedoch nahezu geschlossen hinter Ernst Buermeyer und trat für dessen Integrität ein, indem sie ihn beispielsweise demonstrativ an die Spitze einer Gildehauser Einheitsliste für die Kreistagswahl vom 12. März 1933 stellte. Von 942 Stimmen erhielt diese im Ort 628 (= 66,7%), während die Nationalsozialisten lediglich 258 Unterstützer (= 27,4%) fanden. Bei der gleichzeitig abgehaltenen Gemeindewahl errang die Liste Buermeyers 675 Stimmen und sieben Mandate, während die einzige Gegenpartei, die Nationalsozialisten, auf 259 Wähler und zwei Sitze kam. Bei der anschließenden Bürgermeisterwahl wurde Buermeyer sogar einstimmig, also selbst mit den Stimmen der beiden nationalsozialistischen Abgeordneten, wiedergewählt. Hingegen kehrte der Gildehauser Bürgermeister, erneut DVP-Spitzenkandidat im Wahlkreis, wegen der großen Stimmenverluste seiner Partei nicht mehr in den hannoverschen Provinziallandtag zurück. Immerhin errang die von ihm geführte DVP-Liste in Gildehaus 58,8% der Stimmen, während sie im Kreis mit 1639 Wählern lediglich 5,8% der Stimmen erhielt.

Der Bentheimer Landrat Dr. Gerhard Scheffler (* 1894) lehnte jedoch die offizielle Bestätigung der Wahl Buermeyers zum Bürgermeister aufgrund dessen politischer Vergangenheit ab, so dass der Gemeindevorsteher trotz der einmütigen Wiederwahl Ende März 1933 von seinem Amt zurücktreten musste. In der Presse der NS-Gegner bezeichnete man dies als glatte Amtsenthebung. Da sein vom Landrat ernannter Nachfolger ein Nationalsozialist war, legten die Ratsherren, auf einer ihm nahe stehenden Liste gewählt, ihr Amt nieder. Dennoch ebbte die Kampagne der Nationalsozialisten unter der Führung des NSDAP-Kreisleiters Dr. Ständer gegen ihn nicht ab, sondern eskalierte im Juli 1933. Inzwischen stand die Vermittlungstätigkeit des ehemaligen Provinziallandtagsabgeordneten bei Grundstückskäufen zum Bau der Obergrafschafter Provinziallandstraße im Mittelpunkt der Vorwürfe. 

In Anbetracht des großen politischen, publizistischen und persönlichen Drucks sowie einer ihm während eines "Verhörs" durch Dr. Ständer und weiterer Nationalsozialisten am Abend des 1. Juli 1933 für den nächsten Morgen angedrohten Inhaftierung floh Buermeyer kurzfristig in die Niederlande. Daraufhin wandte sich seine verzweifelte Ehefrau mit der Bitte um Hilfe an den preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring. Dr. Ständer habe öffentlich damit gedroht, so Frau Buermeyer, ihren Ehemann "zu Tode zu hetzen" (Parteiakte Buermeyer/Dr. Ständer). Dies setzte umfangreiche Erkundigungen höherer Partei- und Staatsstellen nach den Verhältnissen in der Grafschaft in Gang. Wieder nach Deutschland zurückgekehrt, musste Buermeyer mit einem Nervenzusammenbruch wegen des nationalsozialistischen Pressefeldzugs gegen ihn für längere Zeit in einer Osnabrücker Klinik behandelt werden. Die Behörden, denen die chaotischen Verhältnisse innerhalb der radikalen Grafschafter NSDAP während der Machtergreifungsphase bekannt waren, beurlaubten Konrektor Buermeyer aus Gesundheitsgründen für einige Monate von der Ausübung seines Berufes. Zur seiner Rekonvaleszenz zog die Familie nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus bis Ostern 1934 nach Bad Rothenfelde. Die Anklagen der Partei gegen Buermeyer wurden vor Gericht als völlig unbegründet zurückgewiesen. Aus politischen Gründen war allerdings ein Verbleiben Buermeyers in Gildehaus nicht mehr möglich, zumal der Haß des NSDAP-Kreisleiters selbst den nach Gildehaus gezogenen Cousin Buermeyers einbezog. 

Das Vorgehen Dr. Ständers gegen den beliebten Bürgermeister trug u. a. dazu bei, dass in Gildehaus zur "Reichstagswahl" vom November 1933 und zur "Volksabstimmung" über das neue Staatsoberhaupt im August 1934 ein überdurchschnittlicher Prozentsatz ablehnender Voten zu verzeichnen waren. Bereits Ostern 1934 wurde Buermeyer, wie vom Osnabrücker Regierungspräsidenten Bernhard Eggers (1882-1937) als Wiedergutmachung zugesichert, in Haste-Hone als Schulleiter einer zweiklassigen Schule eingestellt, für ihn allerdings ein beruflicher Abstieg. Ernst Buermeyer entzog sich einer politischen Betätigung - soweit in seiner Stellung durchführbar - anschließend möglichst, musste jedoch 1937 dem Drängen nachgeben und wurde nominelles Parteimitglied, da die NSDAP im katholischen Haste wenig Anklang fand und die Staatsangestellten nun verstärkt in die Pflicht genommen wurden. Er starb 1945 an einem Krebsleiden in Ostercappeln, wohin die Osnabrücker Städtischen Kliniken ausgelagert worden waren.

Quellen

Bundesarchiv Berlin-Zehlendorf (ehemals BDC) Akte Ständer, Josef

Bundesarchiv Berlin-Zehlendorf (ehemals BDC) Akte Buermeyer, Ernst

Dietrich Buermeyer, Osnabrück

Heimatverein Melle

Stadtverwaltung Bad Bentheim

Werke

Gildehaus, in: Handel und Wandel in der Grafschaft Bentheim, Düsseldorf 1926, S. 90-97.

Die Gemeinde Gildehaus 1927, in: BZ Nr. 12 vom 14.01.1928.

Gildehaus und seine Entwicklung, in: BZ Nr. 259 vom 02.11.1928

Die Gemeinde Gildehaus 1928, in: BZ Nr. 4 vom 05.01.1929.

Die Gemeinde Gildehaus im Jahre 1929, in: BZ Nr. 9 vom 11.01.1930.

Die Gemeinde Gildehaus im Jahre 1930, in: BZ Nr. 7 vom 08.01.1931.

Art. Gildehaus, in: Adreßbuch der Stadt- und Landgemeinden des Kreises Grafschaft Bentheim 1930, bearbeitet von ten Brink, hrsg. von Engelbert Pötters, Nordhorn 1930, S. 85-88 (verm.).

Literatur

Gerd Steinwascher (Bearbeiter), Gestapo Osnabrück meldet ... Polizei- und Regierungsberichte aus dem Regierungsbezirk Osnabrück aus den Jahren 1933 bis 1936 (= Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen Bd. 36), Osnabrück 1995, S. 86-87.

Heinrrich Voort, 700 Jahre Gildehaus 1292-1992, Gildehaus/Bad Bentheim 1992, S. 99-102, 105, 173.

Diese Lebensgeschichte von Ernst Buermeyer ist veröffentlicht in:
Band 6 des Projektes der Studiengesellschaft für Emsländische Regionalgeschichte e.V.
Es wird ferner auf den Artikel  "Der Rücktritt des Gildehauser Bürgermeisters Ernst Buermeyer" von Herbert Wagner hingewiesen. Er ist veröffentlicht  im Bentheimer Jahrbuch 1998, Das Bentheimer Land, Band 143, auf den Seiten 211 bis 234.