Grafschafter Schulgeschichte

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Dr. Arnold Rakers

von Karl Koch

Beim Durchblättern alter Jahrbücher des Heimatvereins stieß ich in der Ausgabe des Jahres 1954 überraschend auf einen Artikel, dessen Inhalt mir liebe Erinnerungen an einen Menschen weckte, der viele Jahre meines Lebens eine große Bedeutung für mich gehabt hat. Zwar kannte ich den Lehrer Dr. Arnold Rakers aus einer glücklichen Schulzeit recht gut; der Sprach- und Heimatforscher Dr. Arnold Rakers war mir und meinen Klassenkameraden aber nur oberflächlich bekannt, obwohl uns Schülern die besondere Liebe unseres Lehrers zur plattdeutschen Sprache und zur Grafschafter Heimat nicht verborgen geblieben waren.

Man kann sich mein Erstaunen vorstellen, als mir nun so überraschend ein Zeugnis dieses Wirkens in die Hände fiel. Ich forschte weiter, und es gelang mir, in der Stadtbücherei ein von ihm verfasstes Büchlein "Grafschafter Volksreime und Sprichwörter" , herausgegeben im Jahre 1930, zu ermitteln. Beim Lesen des Vorwortes glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, denn niemand anderen als den Grafschafter Schulkindern war seine Sammlung gewidmet. Doch sollen seine Sätze selbst sprechen. Dr. Rakers schrieb: "Die Sammlung verdankt ihr Entstehen der Mithilfe vieler Kräfte, ganz besonders aber den Grafschafter Schulkindern, - und ihnen gebührt schon bei dieser vorläufigen Ausgabe herzlicher Dank! Wie ich, meine lieben Grafschafter Kinder, fast alles von Euch geholt habe, so bringe ich´s auch Euch zurück. Denn im Grunde gehört alles, was in der Sammlung drin steht, ganz allein Euch und Eurer Familie und nicht den gelehrten Leuten. Euch bitte ich denn auch: Habt alles, was ihr hier findet, weiter so lieb wie bisher!"

Dr. Arnold Rakers ist viele Jahre an der Evangelischen Blankeschule in Nordhorn tätig gewesen. Noch heute ist seine Person Gegenstand lebhafter Erinnerung bei vielen Gesprächen mit Klassenkameraden von damals. Wie sehr hat uns sein plötzlicher Tod im Jahre 1966 geschmerzt. Schon damals haben viele von uns gespürt, daß mit seinem Tode nicht nur ein guter Pädagoge und Lehrer von uns ging, sondern ein Freund und Vertrauter aus unserer Mitte gerissen wurde.

Beim Lesen des plattdeutschen Artikels im Jahrbuch von 1954 fühlte ich mich ein wenig zurückversetzt in jene Zeit. Ich entschloss mich, meinen Dank gegen den verehrten Lehrer durch diese Erinnerung festzuhalten. So hoffe ich denn, daß diese meine Arbeit sein Wohlwollen finden möge und er nicht, wie so manches Mal in jenen Zeiten, sein kleines rotes Zensurenbuch hervorholen muß, um mir ein "Mangelhaft" oder "Ungenügend" einzutragen.

Der Artikel trägt den Namen "De Groafschup Benthem en Twente". Er ist seinen verstorbenen Freunden Willem Dingeldein und Herman Bezoen aus der Twente gewidmet. Dr. Rakers erinnert an seine niederländischen Freunde, die mit ihm in mühevoller Kleinarbeit Beiträge zur Erforschung der Heimat diesseits und jenseits der Grenze geleistet haben. Er erzählt von der Gemeinsamkeit beider Gegenden, und er beteuert den plötzlichen Tod von Willem Dingeldein und Herman Bezoen.

Vieles, was ich als Schüler noch nicht verstehen konnte, wurde mir beim Lesen des Artikels klar. Unser Dr. Rakers war einer derjenigen, die zuerst genannt werden müssen, wenn von der Grafschaft Bentheim und von der plattdeutschen Sprache die Rede ist. Heute kann ich verstehen, was ihn veranlaßte, auch dem letzten von uns das kleine Gedicht "Kik es, wat is den Himmel so rod" beizubringen. Dabei bestand unsere Klasse fast ausschließlich aus Kindern von Eltern, die aus den deutschen Ostgebieten geflüchtet waren und die somit keine Beziehung zur plattdeutschen Sprache hatten. Eines seiner Lieblingsgedichte war von Karl Sauvagerds "Klijn Bernti". Auch dies Gedicht haben wir lernen müssen, und manchen von uns ist das gar nicht so leicht gefallen.

Wer Dr. Rakers gekannt hat, der hat auch sein Haus in den Tillener Bergen kennen müssen. Es hat keinen Frühling in unserer Schulzeit gegeben, in dem wir nicht eines Tages von der Blanke zum Poaschenbarg gewandert wären. Im Frühling nahm er´s zu unserer Freude mit der Mathematik nicht so genau.

Später, als er schon längst nicht mehr unser Klassenlehrer war, haben wir ihn manchmal besucht in den Tillener Bergen. Nie sind wir ohne ein "Köppi Tee" wieder nach Hause gezogen.

Dies alles liegt jetzt lange zurück, und wir, seine ehemaligen Schüler, stehen auf eigenen Füßen. Nur ab und zu erinnert ein zufälliges Wort oder ein flüchtiger Gedanke an jenen Menschen, der die herrlichen Jahre unserer Kindheit entscheidend mitgestalten durfte.

Am Schluß seines Artikels schreibt er jenen Satz, der inzwischen zum festen Bestandteil der plattdeutschen Sprache geworden ist: "Wel geregeld platt proat, kump faste in´n Himmel". Und weiter heißt es: "Wi mött stil en pleseerig en stuur döörgaon, Löre, net as Willem Dingeldein en Herman Bezoen doan hebt, aanders kum wi d´r nich".

Kann es einen schöneren Dank für ihn geben als diesen, ihn einzuschließen in die Reihe seiner Freunde? So soll es denn heißen:

"Wi mött stil en pleseerig en stuur döörgaon, net as Wilm Dingeldein, Herman Bezoen en Arnold Rakers doan hebt, aanders kum wi d´r nich".

Quelle: Karl Koch, Dank an einen Grafschafter Lehrer, Der Grafschafter, Mai 1972, Seite 902