Grafschafter Schulgeschichte

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Hans Georg Rusch

17.9.1928 - 15.6.2004
von J÷rg Leune

Hans-Georg Rusch ist nie ein Grafschafter geworden, obwohl er fast 35 Jahre in Neuenhaus gelebt hat. Dazu war er zu skeptisch und zu distanziert. Er hat einmal gesagt, er duze sich mit höchstens zehn Menschen. Rusch war ein scharfer Bobachter, ein genauer Leser und - geschult an Montaigne - ein brillianter Formulierer. Er konnte aus dem Stegreif reden, ertrug die Öffentlichkeit aber eher, als dass er sie liebte. Es ist kein Zufall, dass unter seiner Leitung das Gymnasium Neuenhaus fast nie in der Zeitung vorkam. Rusch wirkte im Stillen, und er war überzeugt davon, dass wirklich Wichtiges am Rande geschieht.

Hans-Georg Rusch ist 1928 in Stolp (Pommern) geboren. Man hat die Angehörigen dieses Jahrganges als "Flakhelfergeneration" bezeichnet. Auch Rusch wurde von der Schulbank weg als Marinehelfer nach Swinemünde geschickt. 1945 floh er vor der Roten Armee nach Berlin, schlug sich von dort nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches nach Westen durch und fand seine Familie schließlich in Bramsche und Hesepe wieder.

Nach dem Abitur am Carolinum in Osnabrück und dem Studium der Germanistik und Romanistik in Münster, Freiburg und Paris legte er 1955 und 1958 die Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab. Als Lehrer war er zunächst am Gymnasium Papenburg tätig. Dort schloss er die Ehe mit Alla Stüwe. Mit ihr hatte er eine Tochter und einen Sohn.

Im August 1968 übernahm Rusch die Leitung des "Gymnasiums im Entstehen" in Neuenhaus. Die Schule umfasste damals acht Klassen der Jahrgänge fünf bis acht. Für 167 Schüler standen außer dem neuen Schulleiter nur noch zwei weitere Gymnasiallehrer zur Verfügung. Durch sein unermüdliches Werben folgten Lehrerinnen und Lehrer aus allen Bundesländern seinem Ruf nach Neuenhaus. Sie sind fast ausnahmslos in der Grafschaft ansässig geworden.

Andererseits hatte Rusch keine Bedenken, den Unterricht an seiner Schule mit Lehrern aller Schulformen zu sichern. Die Zusammenarbeit aller Schulen wurde schließlich durch die Einrichtung der Kooperativen Gesamtschule (KGS) gekrönt. Ohne viel Federlesens, allerdings mit dem Rückenwind des damaligen Kultusministers Peter von Oertzen, begann Rusch seit 1971 die Entwicklung der KGS voranzutreiben. Als Verwaltungsfachmann betrachtete Rusch die Schulverwaltung stets besonders kritisch.

Erst als er sechs Jahre lang die KGS als "Geschäftsführer " geleitet hatte, erfolgte zum 1. Juli 1977 die förmliche Ernennung zum KGS-Leiter. Seine Amtszeit endete allerdings schon nach einem Monat am 31.7.1977, als Rusch die KGS-Leitung an Jan Kortmann übergab und selbst neben der Leitung des Gymnasiums die Leitung des KGS-Schulzweiges behielt.

Sein Versuch, drei bestehende Schulen zu einer zusammenzuführen und trotzdem ihre Eigenständigkeit zu erhalten, war nicht nur in Niedersachsen, sondern auch bundesweit einmalig. Die KGS Neuenhaus blieb aber auch in der niedersächsischen Bildungslandschaft ein Fremdkörper, der nur in seiner Rolle als Pionier geduldet wurde, aber eben keine "richtige" Gesamtschule war. Hans-Georg Rusch erkannte dieses Problem schon früh.

Die Entwicklung des Gymnasiums Neuenhaus ist Ruschs eigentliches Lebenswerk geworden. In diesen Tagen liegt das erste Abitur in Neuenhaus 30 Jahre zurück. Seitdem haben über 2000 junge Menschen das Gymnasium mit dem Abiturzeugnis verlassen. Einige unterrichten inzwischen selbst an ihrer alten Schule. Auch für dieses Ethos der Schule ist Ruschs Wirken hoch einzuschätzen. Am Gymnasium Neuenhaus steht seit 1968 die Tür zum Lehrerzimmer immer offen. Das sagt mehr über den Geist der Schule aus als manches Schulprogramm auf Hochglanzpapier.

Darüber hinaus hatte Rusch eine gute Hand bei der Auswahl seiner Mitarbeiter und Kollegen. Dass es in 30 Jahren noch nie eine Panne bei den Abiturprüfungen gab, dass die Schulbehörde noch nie einen Prüfungsvorschlag als nicht geeignet zurückgewiesen hat, auch das sind wichtige Bestandteile des Geistes dieser Schule.

Schon bald nach dem Beginn seiner Tätigkeit in Neuenhaus wurde Hans-Georg Rusch in seiner Tätigkeit durch Augenleiden beeinträchtigt. Eins seiner Augen  erblindete  nach einer Operation, das andere behielt nur einen Bruchteil der Sehfähigkeit. Dennoch arbeitete Rusch bis zu seiner Pensionierung 1994 weiter an der Entwicklung seiner Schule, in seiner Behinderung tatkräftig unterstützt von seinen Mitarbeitern, besonders aber von seiner Frau Alla, die seine wichtigste Vorleserin blieb.

Bis zuletzt nahm er auch im Ruhestand geistig hochwach an politischen und kulturellen Entwicklungen interessierten Anteil. Seit dem vergangenen Jahr quälte ihn ein Krebsleiden. Hans-Georg Rusch ist am 15. Juni 2004 im Alter von 75 Jahren gestorben.

Quelle: Jörg Leune: "Das Gymnasium war sein Lebenswerk. Nachruf: Zum Tode des Gründungsdirektors Hans-Georg Rusch - Die KGS auf den Weg gebracht", Grafschafter Nachrichten, 23.6.2004.