Grafschafter Schulgeschichte

Japanisch-Lehrerinnen erinnern sich an den Tsunami 2011

Seit 2007 pflegt das Land Niedersachsen eine Partnerschaft mit der Region Tokushima im Westen Japans. Seit dem Sommer 2009 unterrichten im Rahmen eines Austauschprojekts japanische Lehrerinnen am Lise-Meitner-Gymnasium in Neuenhaus.

Am 11. März 2011 verabschiedete sich Noriko Osaka von ihren Schülern und Kollegen. Kurz vor dem Festakt erfuhr die Lehrerin von dem furchtbaren Tsunami, der die Küste ihres Landes verwüstete. Frau Osaka konnte noch mit ihrer Familie telefonieren. Alle waren wohlauf, weil der Heimatort Tokushima mehr als 700 km vom Epizentrum des Tsunamis entfernt lag. Während des Festakts in der Schule lässt sie sich nichts anmerken. Doch sofort nach dem Ende eilt sie nach Hause, um am Fernseher und am Computer die Ereignisse in ihrer Heimat zu verfolgen.

Am 28. März 2011 kehrt sie nach Japan zurück. „Ich erinnere mich gut an den Tag“, schreibt Noriko Osaka in einer Mail an die GN-Redaktion. „Wir sind im Auto vom Flughafen nach Tokushima gefahren. Alles sah aus wie immer. Es war sonderbar – ich konnte kaum etwas mit dem Erdbeben in Verbindung bringen.“ Man habe aber überall versucht, Strom zu sparen.

Im Juli fuhr sie in die besonders betroffene Region Fukushima. Das Orchester ihrer Schule war zu einem Musikfestival eingeladen worden. „Es war ein wunderbares Festival. Wir haben uns gefreut, dort zu sein und die Menschen aufzumuntern.“ Dennoch sei die Stimmung gespenstisch gewesen. „Der Himmel war sehr dunkel und es lag ein seltsamer Geruch in der Luft“, berichtet sie. Der Geigerzähler habe eine deutlich erhöhte Radioaktivität angezeigt. „Es gibt Eltern, die ihren Nachwuchs nicht mit Kindern aus Fukushima spielen lassen, weil sie Angst vor Krankheiten haben – ein Missverständnis," fährt sie fort.

Im August 2011 trat Tomoko Mori ihren Dienst in der Niedergrafschaft an, den sie bis März 2013 in Neuenhaus und an einen Gymnasien im Emsland versah. Die 33jährige hat die Tage des Tsunamis in Tukushima erlebt. „Ich saß gerade mit anderen Lehrern in einer Besprechung. Wir haben von dem Erdbeben zunächst nichts mitbekommen“, erinnert sie sich. „Wir haben den Fernseher eingeschaltet und konnten einfach nicht glauben, was wir dort sahen. Es war total unwirklich. Wir bekamen es mit der Angst zu tun und fürchteten ein weiteres Erdbeben. Das kommt in Japan durchaus vor. Außerdem gab es ja eine Tsunami-Warnung – und Tokushima liegt an der Küste.“

Frau Mori versuchte, einen Freund zu erreichen, der in Sendai nicht weit von Fukushima lebt. Die Stadt war stark verwüstet, aber der Kontakt gelingt. Auch in den nächsten Tagen spielte das Internet und der Kurznachrichtendienst Twitter eine große Rolle. Die Ereignisse wirken nach. „Japan versucht inzwischen, andere Energieformen zu finden und mit Strom sparsam umzugehen. Das war bis dahin nicht der Fall“, berichtet die Lehrerin.

Quelle: Grafschafter Nachrichten vom 12. 3. 2012