Grafschafter Schulgeschichte

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Der Lehrer Hermann Schmidt in Georgsdorf

Vorbemerkungen: Herr Harm Schmidt, der Sohn des Lehrers Hermann Schmidt, stellte Informationen über den beruflichen Werdegang seines Vaters und sein weiteres Schicksal zur Verfügung. Herr Harm Schmidt war Regierungsschuldirektor in Verden und trat 2010 in den Ruhestand. Er wurde 1945 geboren und hat seinen Vater nie kennen gelernt. Die Informationen erhielt er durch umfangreiche Nachforschungen in den Jahren 2007/08 im Raum Georgsdorf.

Hermann Schmidt wurde am 25. Dezember 1913 in Lingen/Ems geboren. Nach seinem Studium an der Pädagogischen Hochschule Kiel lässt er sich beim Regierungspräsidenten in Osnabrück in die Liste der Schulamtsbewerber eintragen. Er wird zum 1. Dezember 1936 in die Volksschule Georgsdorf in der Grafschaft Bentheim eingewiesen.

In Georgsdorf, einem kleinen Dorf, abseits der großen Straßen und Wege, mitten im Bourtanger Moor nahe der holländischen Grenze sind zu der Zeit der Hauptlehrer Lange und der Schulamtsbewerber Jan Harm Kip tätig. Nebenberuflich unterrichten zwei weibliche Lehrkräfte Handarbeit und Kochen. Vorgänger von Hauptlehrer Lange war bis 1935 der Hauptlehrer Jan Albert Blekker, der zur Volksschule Veldhausen versetzt wurde (siehe hierzu den Bericht "Das Schicksal des Hauptlehrers Jan Albert Blekker). 

Über die Herkunft des Hauptlehrers Lange und seinen späteren Verbleib ist nichts bekannt. Jan Harm Kip studierte in Hannover und Dortmund. Nach Arbeitslosigkeit erhält er dann im Frühjahr 1934 unverhofft die erste Stelle in Vorwald. Nach Einsatz in Uelsen kommt er dann 1935 nach Georgsdorf.

Über den Unterricht in Georgsdorf gibt es keine genauen Angaben. In den vier Klassen wird jahrgangsübergreifend unterrichtet:
- Klasse I   (1./2. Jahrgang) mit 23 Kindern
- Klasse II  (3./4. Jahrgang) mit 36 Kindern
- Klasse III (5./6. Jahrgang) mit 53 Kindern
- Klasse IV (7./8. Jahrgang) mit 36 Kindern, zusammen 148 Kinder.
(Stand: 15.11.1937)
Die Kinder kommen zumeist aus der Gemeinde Georgsdorf (108), aber weitere 20 Kinder aus Osterwald, 19 aus Alte Piccardie und 1 Kind aus Wietmarscher Twist.

Vergegenwärtigt man sich, dass es noch keine Schülerbeförderung gab, die Wege zu den einzelnen Gehöften, die zum Teil weit auseinander lagen, größtenteils unbefestigt waren und das Geld für ein Fahrrad zur Bewältigung des Schulwegs bei vielen Familien nicht vorhanden war, dann lässt sich ermessen, dass der Schulweg für viele Kinder, besonders für die Kleinen, ein Stück „Arbeit“ war. Sommers wurde er barfuss bewältigt, im Winter mit Holzschuhen, den Klompen, ausgefüllt mit Stroh und Heu als Schutz gegen die Kälte.

Die Unterrichtsverpflichtung der beiden Junglehrer betrug anfangs 18 Wochenstunden, später dann 26, verteilt auf die ganze Woche von Montag bis Samstag. Jeder unterrichtete alle Fächer, ausgenommen Kochen und Handarbeiten. Entsprechend den Grundsätzen nationalsozialistischer Schulpolitik wurde neben den Grundfertigkeiten besonderer Wert auf Sport gelegt. Hinzu kam pro Woche eine Stunde „nationaler Unterricht“. Geländespiele in der Natur, von denen besonders die Jungen begeistert waren, dienten des Weiteren der "Wehrertüchtigung" des „Jungvolks“. Weniger gute Erinnerungen bestehen an den „Tatbestand“ der Prügelstrafe. Zu diesem Mittel werden die beiden jungen Lehrer wohl nie –oder selten? – gegriffen haben, denn sie konnten ihre Schüler auf Grund ihrer pädagogischen Ausbildung trotz strenger Schulzucht und klaren Reglements begeistern und so für sich gewinnen.

Hauptlehrer Lange war Junggeselle und bewohnte die Hauptlehrerwohnung neben der Kirche, während für die beiden Junglehrer im ersten Stock des Schulhauses je eine kleine Zweizimmer-Wohnung bereitstand, Kammer und Stube: spärlich möbliert mit Bett, Schrank, Tisch, Stuhl und Apfelsinenkisten als Regale. Die Küche, wohl besser Kochgelegenheit genannt, war spärlich und nur für den notwendigsten Bedarf eingerichtet. Das Frühstück und das Abendessen konnten sich die beiden Bewohner wohl richten, für das Zubereiten einer warmen Mahlzeit reichte es nicht. Die wurde mittags bei einem Gastwirt eingenommen.

Über die sanitäre Einrichtung (Bad) ist nichts bekannt, nur dass es eine Waschgelegenheit mit Pumpe im 1. Stock gab, mittels der das Wasser mühselig hoch gepumpt werden musste. Toiletten waren auf dem Hof. Einen Wecker brauchte der Lehrer nicht. Morgens wurde er durch das Geklapper der Holzschuhe der Schulkinder auf dem Schulhof daran gemahnt, dass es Zeit zum „Schule-Halten“ war. Und der Weg in den Klassenraum war ja nicht weit.

Gleichwohl, das „Appartement“ war kostengünstig, 5 Reichsmark waren zu zahlen. Da blieb von dem Gehalt in Höhe von 145,45 RM, das in zwei Raten jeweils am 1. und 15. des Monats per Postanweisung ausgezahlt wurde, noch etwas übrig, um sich ein Motorrad leisten zu können. Hermann Schmidt erwarb vom Betriebsleiter der nahen Torffabrik eine gebrauchte BMW, der Kollege Jan Harm Kip schaffte sich eine Zündapp an. In den Augen der Dorfbewohner ein ungeheurer Luxus für damalige Zeiten. Aber er machte beide Besitzer unabhängig und ermöglichte ihnen am Wochenende die „Flucht“ aus der damaligen Weite und Eintönigkeit des Moores. Man muss sich vorstellen, beide hatte es aus den Städten Kiel und Dortmund mit den vielfältigen kulturellen Angeboten und sonstigen Annehmlichkeiten in die tiefste Provinz verschlagen. Hermann Schmidt mag es wohl zu den Eltern nach Lingen und Jan Harm Kip ins nahe Bimolten, seinem Heimatort, gezogen haben oder in sonstige Regionen der „Zivilisation“.

Wohlgemerkt, das Georgsdorf der 30er Jahre hatte noch nicht den Anschluss an die Zeit gefunden und seine Bewohner mussten sich mühsam im Moor oder auf dem kargen Boden ihr „Brot“ verdienen. Das Geld war knapp und reichte bei vielen Familien mit den zahlreichen Kindern oft nur für das Nötigste. Über das Dorf selber waren viele nicht hinausgekommen. Lingen, Bentheim und Nordhorn, die nächsten größeren Städte, lagen weit entfernt, wie auf einem anderen Stern. Lehrer Schmidt soll einmal für die Männer aus Georgsdorf eine Eisenbahnfahrt nach Münster organisiert haben. Für viele so etwas wie heute ein Flugreise nach New York. Beim Eintritt in die große Bahnhofshalle hätten alle vor Ehrfurcht (und Erstaunen??) ihren Hut abgenommen.

Abwechslung gab es also für die beiden Junglehrer nach dem Unterricht auf dem Dorf nicht und der Kontakt zur Bevölkerung bezog sich wohl in der Hauptsache nur auf das Schulische. „Wir lebten nebeneinander her“ (J.H. Kip). „Es kam wohl schon mal vor, dass wir beide in der Gastwirtschaft  mit den Männern ein Bier tranken, aber das war es dann auch. Eher machten wir nachmittags Spaziergänge in die Natur.“ Oder beide putzten auf dem Schulhof ihre Motorräder, wie sich der ehemalige Schüler Heinz Sloot (heute Füchtenfeld) erinnert. Für die Jungen eine gute Gelegenheit, dabei zu helfen und dafür als Belohnung auf dem Sozius eine Runde „mitdrehen“ zu dürfen. Wie damals üblich stand dem Dorfschullehrer ein Stück Land zur persönlichen Nutzung und damit zur Aufbesserung des kargen Gehalts zur Verfügung. Damit war die Grund-Versorgung mit Naturalien einschließlich Viehhaltung gesichert.

Über das kollegiale bzw. persönliche Verhältnis zum Hauptlehrer Lange ist wenig bekannt. Er war Junggeselle und lebte sein eigenes Leben. Nur einmal habe er die beiden Junglehrer zum Schlachtefestessen eingeladen, als winters ein selbst gehaltenes Schwein sein Dasein dem menschlichen Verzehr opfern musste. Ansonsten muss Lange, mit Spitznamen „Trödel“ genannt, ein Eigenbrödler gewesen sein, mit dem kein gesellschaftlicher Umgang gepflegt werden konnte. Auch über eine weitere wichtige „Respekts“-Person des Dorfes, dem Pastor der evangelisch-reformierten Gemeinde, zu der man Kontakt halten konnte, ist nichts bekannt.

Zur Dienstzeit des Lehrers Hermann Schmidt in Georgsdorf heißt es in der Schulchronik lapidar: "Lehrer Schmidt wird im Januar 39 zum Heeresdienst eingezogen. Eine Vertretung wird nicht gestellt."

Allerdings muss es denn doch wohl Kontakte zu einzelnen Familien gegeben haben, die über die Dienstzeit in Georgsdorf hinaus reichten, wie u. a. ein Feldpostbrief vom 14. Dezember 1941 belegt. In dem Brief aus Russland, geschrieben aus dem Raum Orel, bedankt er sich bei der „lieben Mutter Sloot“ für „das hier sehr wertvolle Päckchen“. Offensichtlich enthielt es warme Sachen zum Anziehen, die in der russischen Kälte hilfreich waren. Als Beleg dafür mag ein Schriftwechsel während des Krieges mit „seinem“ Schüler Heinz Sloot gelten. In einem Brief, datiert „Rumänien, am 23.1.1941“ schreibt er:

Lieber Heinz!
Dein Brieflein und das nette Weihnachtspäckchen haben einen weiten Weg zurücklegen müssen, bis sie mich .... endlich im fernen Rumänien ... erreichten .... Nun mein lieber Heinz, grüß mir die Georgsdorfer Schule recht schön und sage, ich dankte allen recht schön, aber es wäre zu viel, allen einzeln zu schreiben...“ Der Brief an Heinz Sloot enthält u.a. den Hinweis, „Hier gäbe es für Dich auch viel Neues und Eigenartiges zu sehen, aber vielleicht kann ich Euch allen später davon noch einmal erzählen." Das wird wohl dann auch der Fall gewesen sein, denn Hermann Schmidt kehrte während des Krieges 1942/43 noch einmal für kurze Zeit an die Georgsdorfer Schule zurück, um dort die 2. Lehrerprüfung ablegen zu können.

"Von mir persönlich kann ich dir noch berichten, dass ein Ukas des Regierungspräsidenten mich am 1.10.1942 zum planmäßigen Lehrer ernannte und in eine Planstelle der Schule Georgsdorf einwies. Es geschehen also doch noch Zeichen und Wunder! Nun wünsche ich mir nur noch, dass es mir gelingt, diesen Winter Prüfungsurlaub zur Absolvierung der zweiten Prüfung zu erlangen. (Brief von 03.11.1942 aus Stalino (dem heutigen Donezk) an Jan Harm Kip).

Wegen einer nicht gerade lebensgefährlichen Verwundung (Gesäßdurchschuss), es war die dritte seit Kriegsbeginn, am 11.10.1942 in Stalingrad war Hermann Schmidt lange Zeit nicht verwendungsfähig und erhielt daher als Angehöriger des Pioniersatz Bataillons 1 in Königsberg den erwünschten Prüfungsurlaub bis zum 01.03.1943. In diese Zeit (02. März) fällt auch seine Hochzeit in Hannover. Der Prüfungsurlaub war nur eine kurze Rückkehr in das Zivilleben, denn ansonsten war er seit Einberufung zum Militärdienst im Januar 1939 ununterbrochen bis zum 11.05.1945 Soldat und nahm bis zur Gefangennahme an den verschiedenen „Feldzügen“ teil. Er war in Polen, Belgien, Frankreich, Jugoslawien, Griechenland, Rumänien, Bulgarien und Russland.

Bis zum März 1945 gab es regelmäßige Post, dann riss der Kontakt ab. Erst im Juni 1946 erreichte die Familie ein erstes Lebenszeichen aus der russischen Kriegsgefangenschaft, datiert vom 30.03.1946. Es kommen in der Folge 8 weitere Karten - bis zum 03. Mai 1947. Alle sind kurz gehalten und geben keine Auskunft über die tatsächliche Situation im Lager. Die ausgehende Post wird wie auch wie die eingehende zensiert. „BEI RÜCKANTWORT BITTE DEUTLICH SCHREIBEN (ZENSUR)!“ heißt es in der letzten Karte.  Dann bricht der Kontakt ab und es folgt für die Familie eine lange Zeit der Ungewissheit über das Schicksal, bis ein Heimkehrer im Jahre 1948(?) von seinem vermutlichen Tod berichtet.

Herr Harm Schmidt stellt  in seinen weiteren Ausführungen dann ausführlich dar, welche Maßnahmen er ergriffen hat, um über den weiteren Verbleib seines Vaters in der Kriegsgefangenschaft und die Umstände seines Todes zu erfahren. Hierauf kann an dieser Stelle jedoch nicht eingegangen werden.

Er erfährt hierbei, dass sein Vater an einer Lungenentzündung erkrankt war und ins Hospital eingeliefert wurde. Dann habe er sich wieder erholt und sich gesund gemeldet, um eine bessere Lebensmittelration zu erhalten? (Aussage seiner Mutter). Es muss einen Rückfall gegeben haben, denn am 27. Mai 1947 wurde er erneut ins das Hospital Nr. 5351 in Novocerkassk, ca. 40 km von Rostov entfernt, eingeliefert, wo er dann am 13. Juni 1947 an einer „kruppartigen Lungenentzündung“ starb.

Er ist auf dem Friedhof in Nowotscherkassk in der Nähe des dortigen Kriegsgefangenenhospitals begraben.

Quelle: Mitteilungen von Herrn Harm Schmidt