Grafschafter Schulgeschichte

Zurück zur Startseite   l   Zurück zur Übersicht "Schulwesen in Neuenhaus"

 

Ev. Volksschule Neuenhaus, dann Hauptschule Neuenhaus

2. Die Volksschule im Nationalsozialismus (1933 - 1945)

1933-1934 - Die Ereignisse des 30. Januar 1933 spiegeln sich auch in der Schulchronik wider. Passagen aus der Zeit des "Dritten Reiches" werden im folgenden teilweise wörtlich übernommen. Sie geben einen Einblick in die damals verbreitete Ideologie.

"Die Schule nahm lebhaften Anteil an dem großen Geschehen, das sich in den letzten Monaten dieses Schuljahres in unserem Vaterlande abspielte: vom Volke und vom Herrn Reichspräsidenten berufen, kam Herr Adolf Hitler an die Macht, seiner Hand sind nun die Geschicke unseres Vaterlandes anvertraut, nach Tagen schwerer Entscheidungen, so nach dem 31. Januar und nach dem 5. März, zeigte sich immer wieder, in welch hohem Maße die Jugend freudigen Anteil daran nahm: "Bald wehen Hitlerfahnen über den Straßen" - "Nun flatterte das Hakenkreuz auch vor unserer Schule!"

Anläßlich der geschichtlichen Wende, die der Sieg der nationalen Revolution am 5. März (Reichstagswahl) für die Geschicke Deutschlands bedeutet, fiel am Mittwoch der Unterricht aus, dgl. am 21.3. anläßlich der Eröffnung des Reichstages. Durch den Rundfunk erlebte die gesamte Schuljugend diese große Stunde mit, im Fackelzug marschierte auch der jüngste ABC-Schütze mit durch die Straßen zur Wagenhorst, wo ein riesiger Holzstoß in Flammen aufging".

Der 1. Mai, der "Tag der Arbeit" wird festlich begangen: In Gegenwart der Schüler und Lehrer werden die Fahnen vor dem Schulgebäude gehißt. "Der große Festtag mit vielen Wagen - darunter auch der Schulwagen -  wird allen unvergeßlich sein: hoch klingt das hehre Lied der Arbeit."

Die Schülerzahl ist auf 214 gestiegen, die in fünf Klassen unterrichtet werden.

Die Jugendverbände der NSDAP greifen mit staatlicher Unterstützung immer mehr in das schulische Leben ein. Die Einführung des "Staatsjugendtages" im Herbst 1934 bringt eine wesentliche Änderung im Schulbetrieb. Zu den "Erziehungsfaktoren" gehören in Zukunft neben Elternhaus und Schule auch die Hitlerjugend. Der Mittwochnachmittag und der Sonnabend sind ihr für den Dienst in der Jugend überlassen. Die Elternbeiräte werden aufgelöst. An ihre Stelle treten die "Jugendwalter". Die Erziehungsberechtigten werden vom Schulleiter berufen. Außerdem gehören dazu die Vertreter der HJ und der Partei.

Nach den Aussagen der Schulchronik treten im schulischen Bereich etliche Veränderungen ein:

"Das neue Deutschland, dessen Volkwerdung wir in diesem Jahre sahen und feierten, stellt der Schule neue Aufgaben. Das Kind soll bewußt am Leben seines Volkes teilnehmen, es soll in sein Volk hineinwachsen, sein Werden verstehen u. über die Grundgesetze dieses Werdens belehrt werden. Durch Min.-Verf. v. 13.9.33 ist die Erarbeitung dieser Stoffe in Angriff zu nehmen, der Lehrplan ist dahingehend zu ergänzen: Vererbungslehre, Rassen- u. Familienkunde, Bevölkerungspolitik bilden in Zukunft wesentlichen Bestandteil des Lehrstoffes. Diese Ergänzung ist inzwischen dem Lehrplan - nach Besprechung in einer Systemkonferenz - hinzugefügt, danach wird auch gearbeitet. Dabei zeigte sich, wie freudig und verständnisvoll die Kinder diesem Unterricht folgten. Das Wunder der Zelle, die Gesetzmäßigkeit der Vererbung, die Verschiedenheit der Menschen als Ausfluß u. Ergebnis der Rassenmischung stellt die Kinder stets vor neue Fragen und führt zu denkender Betrachtung. Der vielgebrauchte Ausdruck "Blut und Boden" füllt sich langsam mit Inhalt, Hitlers auf die Zukunft gerichtetes Ziel - das Kind fängt an, dieses wenigstens zu fühlen. Völkisches Denken mag der weitere, der nächste Schritt sein.

Dieser Erziehung zum deutschen Manne, zur deutschen Frau dient auch die Hitlerjugend, das Jugendvolk und der "Bund deutscher Mädel". Schüler und Schülerinnen unserer Schule sind in diesen, bzw. der "Kükengruppe", fest organisiert. Die Dienstnachmittage bleiben frei von häuslichen Aufgaben. Auf dem Gebiete der Jugendertüchtigung arbeitet weiterhin der Turnverein, der seit Jahren starke Jugendriegen hatte. Ein Teil der Schüler ist in dieser Organisation geblieben; manche, denen das Turnen lieb und wert ist, gehören auch beiden Gruppen an.

Die Lehrer wurden zu der Arbeit im Jungvolk nicht herangezogen; sie sind auf ein gutes Verhältnis zu ihm bedacht und bemühen sich, sich im Turnverein nützlich zu machen. Das gilt besonders von Herrn Koopmann. Herr Rotmann leitet seit 1 1/2 Jahren ein Pfeifenkorps, das sich aus 8 Knaben der 1. Kl. zusammensetzt. Die 3 Lehrer gehören seit Juli 1933 der S.A. Res. an.

Die Einführung des "Staatsjugendtages" im Herbst des Jahres 1934 bringt eine wesentliche Änderung im Schulbetriebe. Zu den Erziehungsfaktoren gehört in Zukunft neben Elternhaus und Schule auch die Führung der Hitlerjugend. Ihr ist außer dem Mittwochnachmittag der Sonnabend für den Dienst an der Jugend überlassen, der Sonntag gehört der Familie. Die nicht in der HJ und im BdM organisierten Kinder besuchen am Sonnabend die Schule, Lehrfächer: Staatsbürgerlicher Unterricht, Geländesport, Werkunterricht. Der Rest von Klassen I. und II. a ist an dem Tage vereinigt. Die Grundschule ist von dieser Erneuerung nicht betroffen.

Zu erwähnen ist das Gesetz betr. "Schaffung von Schulgemeinden und Berufung von Jugendwaltern" vom 24. Oktbr. 1934. Nachdem der Elternbeirat aufgelöst ist, werden an seine Stelle "Jugendwalter" aus dem Kreis der Erziehungsberechtigten vom Schulleiter berufen, dazu gehört auch der Beauftragte der Hitlerjugend. Die Elternschaft bildet die "Schulgemeinde".

1935 - Nach einer Verfügung des Regierungspräsidenten vom 31.1.1935 soll jede Schule einen Schulgarten anlegen. Im Herbst 1935 setzt der Unterricht im Bau von Flugzeugmodellen ein. Da 95 % der Schüler aus den oberen Klassen den staatlichen Jugendorganisationen angehören, erhält die Schule das Recht, neben der Reichsfahne die HJ- Fahne zu hissen.

1938 - Ende des Schuljahres 1937/38 wird die Gemeinschaftsschule eingeführt; die Konfessionsschulen hören auf zu bestehen. Der beantragten Aufhebung der Mittelschule stimmt die Regierung jedoch nicht zu. Gegen die Einführung der Gemeinschaftsschule gibt es von kirchlicher Seite Einsprüche. Die Gemeinschaftsschule besuchen 250 Schüler. Beide Schulgebäude werden als Neustadt- und Altstadtschule genutzt.

1939-1945 - Nach Kriegsbeginn haben fast alle Häuser ab November 1939 Einquartierung durch die Wehrmacht. Ein Raum in der Neustadtschule sowie die Turnhalle sind vom Militär beschlagnahmt. Die Unterricht muss auf ein Mindestmaß eingeschränkt werden, da ein Lehrer eingezogen wird, der dann 1942 in Russland fällt. Außerdem muss in Osterwald und Egge vertreten werden. Die Beschaffung von Lehr- und Lernmaterialien macht mit dem Fortschreiten des Krieges große Schwierigkeiten. Der Unterricht wird durch Fliegeralarm häufig unterbrochen. Heizmaterial muss von den Kindern beschafft werden. Zum Kriegsende ist die Schule von deutschen Soldaten belegt. Lehrer und ältere Schüler müssen Panzergräben schanzen. Im April 1945 wird Neuenhaus besetzt; es fällt kein Schuss. Kein Haus wird zerstört, keine Brücke gesprengt. Die Schulen werden belegt, die Lehrmittel zerstört.

           Quellen:

  • Schulchronik der Ev. Volksschule Neuenhaus bis 1913, Aufbewahrung im Schularchiv von Neuenhaus

  • Schulchronik der Ev. Volksschule Neuenhaus, ab 1913, Abschrift von Herrn Achim Röder, Neuenhaus

  • Johann Holthuis, Auszüge aus der Schulchronik, 1962

  • Heinrich Eberhardt, Chronik der Schulen von Neuenhaus, 1994

  • Artikel aus der örtlichen Presse, im Text angegeben