Grafschafter Schulgeschichte

Zurück zur Startseite   l   Zurück zur Übersicht "Schulwesen in Neuenhaus"

Realschule Neuenhaus vorher: Latein- und Rektorschule, dann Mittelschule

2. Die Mittelschule von 1926 bis 1953

1926 - Durch Erlass des Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung erfolgt im Schuljahr 1926/27 die Anerkennung der Rektorschule als voll ausgebaute Anstalt. Sie führt fortan den Namen "Öffentliche Mittelschule in Neuenhaus".
Der Schulträger wird ersucht, eine 5. Lehrkraft einzustellen, was sofort geschieht, und einen geeigneten Raum für die Erteilung des technischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts zur Verfügung zu stellen, was ein Jahr später erfolgt.
Mit Erlass des Herrn Ministers vom 5. Juli 1926 ist die öffentliche Mittelschule in Neuenhaus in das Verzeichnis der anerkannten Anstalten eingetragen worden.

1927 - Heinrich Schepers berichtet im "Der Grafschafter" Nummer 2/1998 über eine Klassenfahrt als Schüler "Reise zu den Nibelungen". Hierbei geht er auf seinen damaligen Lehrer für Deutsch und Geschchte Dr Christian Tibbe ein, der nach damals modernen Grundsätzen unterrichtete. In einem weiteren Aufsatz schreibt er zur Schulsituation in Neuenhaus in den zwanziger Jahren und äußert sich besonders lobend über die damalige Mittelschule Neuenhaus.

Nach der Errichtung der Oberrealschule in Nordhorn 1925 wechseln Schüler der Mittelschule, die die Reifeprüfung erwerben wollen, bereits nach Abschluss der Quarta (Klasse 7) in die Oberrealschule. Dies führt zu einer gewissen Rivalität, weil die Mittelschule dadurch ihre fähigsten Schüler verliert.

Stolz ist die Schule jedoch darauf, dass alle sechs Untersekundaner (Abschluss der Klasse 10) 1929 die Aufnahmeprüfung für die Oberstufe in Nordhorn bestehen und in die Obersekunda (Klasse 11) übergehen dürfen.

Bis 1933 geht die Schülerzahl wieder bis auf 87 zurück:

Schuljahr

Schüler

Jungen

Mädchen

Auswärtige

1926/27

152

83

67

75

1927/28

136

72

64

66

1928/29

133

69

64

60

1929/30

120

65

55

55

1930/31

101

58

43

42

1931/32

94

52

42

40

1932/33

87

50

37

34

Die Zahl der Kinder  bewegt sich dann in den Schuljahren 1933 bis 1938 zwischen 75 und 85.

1934 - Am 28. August 1934 erfolgt die Vereidigung der Lehrerschaft auf den "Führer" Adolf Hitler.

1936 - Die Schule wird am 18.12.1936 nach Meldung von 30 % grippekranker Kinder geschlossen. Im allgemeinen ist aber der Gesundheitszustand der Kinder der Schule sehr gut; schwere Fälle von Krankheiten kommen kaum vor.

1938 - Am 12. März 1938 wird die Mittelschule in eine vierklassige Hauptschule mit Aufbauklassen umgewandelt und gleichzeitig der eingerichteten Gemeinschaftsschule Neuenhaus zugeordnet. Auf zwei Klassenräume beschränkt unterrichten zwei Lehrkräfte die vier unteren Klassen. Nach einigen Monaten wird der Beschluss wieder rückgängig gemacht, da er nicht die ministerielle Genehmigung findet. Auch der weitere Beschluss, noch im gleichen Jahr die unteren vier Klassen der Schule als Parallelklassen der Mittelschule Nordhorn zuzuordnen, findet nicht die ministerielle Genehmigung. Dieses dauernde Experimentieren zerstört jedoch das Vertrauen der Elternschaft zur Schule.

1939 besuchen nur noch 45 Schüler der vier unteren Klassen die Schule. Rektor Dr. Voigt lässt sich nach Osnabrück versetzen. Ein weiterer Lehrer, der von Heinrich Scheppers erwähnte Dr. Tibbe, nimmt eine Lehrerstelle in Dissen bei Osnabrück an. Mit der Leitung der Schule wird Werner Hasenow von der Mittelschule Bentheim beauftragt. Er wird zum 1. November 1941 zum Mittelschulrektor ernannt. Durch persönliche Werbung bei den Eltern aus der Umgebung gelingt es ihm, für 18 Neuanmeldungen, darunter auch solche für Klasse 2, zu sorgen. 

1940- 1945 - Die Zahl der Schüler nimmt wieder zu: 1940/41: 98 Kinder, 1941/42: 127 Kinder, 1942/43: etwa 170 Kinder und 1943/44: etwa 200 Kinder.

Durch die Kriegsereignisse geht mit vielen Schulakten auch die Schulchronik verloren. Deshalb liegen über die Kriegszeit kaum Angaben vor. Sie sind nachträglich in Kurzform aufgelistet worden.

Ab Mitte 1944 leidet der Unterricht sehr durch den häufigen Fliegeralarm. Ab November werden die Fahrschüler und viele Kinder aus der Umgebung der betreffenden Volksschulen beurlaubt. Die Mittelschule besuchen nur noch 13 Schüler.

Im Oktober 1945 ist die Schülerzahl bereits wieder auf 227 angestiegen. Dafür stehen nur fünf Räume zur Verfügung, drei im Hauptgebäude in der Altstadtschule, ein Raum in der Neustadtschule (Kath. Schule) und der Konfirmandensaal.

1946- 1953 - Zum 1. Februar 1946 wird der Schulleiter Hasenow versetzt. Der Mittelschulkonrektor Dr. Christian Tibbe aus Dissen übernimmt nach einem Monat am 1. März 1946 die kommissarische Leitung der Schule. Er war schon von 1921 bis 1928 an der Volksschule Neuenhaus, anschließend bis 1938 an der Mittelschule Neuenhaus  tätig und wurde dann nach Dissen versetzt.        

Die Schule ist durch kanadische Soldaten, die hier eine zeitlang untergebracht waren, ziemlich verkommen. Bücher, Klassenunterlagen und die Schulchronik sind verbrannt. Durch persönlichen Kontakt zu Handwerkern und zu Papier- Firmen gelingt es Dr. Tibbe, dass die schlimmsten Übelstände alsbald beseitigt werden. Um Heizmaterial zu besorgen, fährt Dr. Tibbe mit einer Schülergruppe in das Wietmarscher Moor, um dort Torf zu stechen.

In den folgenden Jahren bis zur Pensionierung von Dr. Tibbe im Jahre 1953 steigt die Schülerzahl von 148 bis auf 400 Schüler an. Die Kinder kommen aus vielen Gemeinde der Niedergrafschaft. Selbst Gemeinden,die noch vom Bahn- und Busverkehr abgeschnitten sind, wie Ratzel und Getelomoor, stellen Schüler.
Da keine Lehrkräfte vorhanden sind, muss zunächst auf Hilfskräfte zurückgegriffen werden. Die Zahl der hauptamtlichen Lehrkräfte steigt dann aber von 3 auf 9 an. Die Hilfskräfte werden wieder entlassen.   

Große Schwierigkeiten bereitet die Bereitstellung von Unterrichtsräumen. Das alte Schulgebäude und die über ganz Neuenhaus verteilten Klassenräume und Behelfsräume machen eine konstruktive Ausbildung auf die Dauer unmöglich. Im Volksmund nennt man die Mittelschullehrer "Langstreckenläufer", weil sie in den Pausen von einem Schulraum zum anderen laufen müssen (Hinweis in den GN, 29.3.1957). Erst als die Ev. Volksschule 1950 ihr neues Gebäude auf der Burg bezieht, verbessern sich die Raumverhältnisse.

Trotz der dürftigen räumlichen Verhältnisse und der im Vergleich zu den Klassen geringen Zahl von Lehrkräften stehen die Leistungen der Schüler auf beachtlicher Höhe und im Orte selbst als auch im ganzen Kreisgebiet genießt die Schule hohes Ansehen.

Die "Hoover-Speisung", an der die Schüler bald nach ihrem Anlauf teilnehmen, wirkt sich recht segensreich für sie aus. Hierbei ist zu bedenken, dass viele Kinder einen weiten Schulweg haben, einige sogar um 6 Uhr morgens schon das Haus verlassen müssen. Aus der Küche, die die Stadt im Anbau des Rathauses einrichtet, werden etwa 130 Kinder gespeist. Sie erhalten jahrelang fünfmal in der Woche 1/2 Liter warme Suppe, die nach drei Stunden Unterricht in der großen Pause ausgegeben wird.

Nachdem in den ersten Nachkriegsjahren Wanderfahrten noch nicht möglich waren, weil die Verpflegung Schwierigkeiten bereitete und es kaum Unterkunftsmöglichkeiten gab, können in den Sommerferien 1949 erstmalig 40 Schüler acht Tage auf "Tour" in den Teutoburger Wald nach Dissen reisen, wo die Mittelschule großzügig Räumlichkeiten zur Verfügung stellt und ein gutes Strohlager bereitet. In den nächsten Jahren wird das Verlangen, in die Welt zu fahren, immer größer.

Eine gesundheitliche Betreuung besonderer Art ist die TBC-Schutzimpfung durch das schwedische Rote Kreuz. Im Sommer 1952 tritt dann die spinale Kinderlähmung in der Grafschaft und auch in Neuenhaus auf. Vom Kreisgesundheitsamt werden Schutzmaßnahmen angeordnet, das Jugendsportfest abgeblasen. Von der Schule sind keine Kinder von der tückischen Krankheit betroffen; lediglich ein Junge bleibt 14 Tage der Schule fern, weil seine jüngere, noch nicht schulpflichtige Schwester erkrankte, aber sich jedoch bald erholte. Im Winter 1952/53 gibt es viele Grippekranke; an einem Tag fehlen von 45 Kindern 23, in anderen Klassen ist es nicht so schlimm. Die Schulchronik berichtet auch von längeren Krankheiten einzelner Lehrer.

Viel Anklang und Zuspruch finden die Elternabende,die die Schule seit 1948 regelmäßig in der letzten Hälfte des Schuljahres veranstaltet.Die Elternabenden und die Ausstellungen sind stets gut besucht. Das Programm eines Elternabends ist nachstehend abgedruckt.


1953 - Am 31. März 1953 scheidet der Schulleiter Dr. Tibbe aus dem Schuldienst aus. Er wurde schon am 25.8.1952 65 Jahre alt und ist dann bis zum Ende des Schuljahres auf Privatdienstvertrag tätig, weil er in der Abschlussklasse Deutsch und Geschichte unterrichtet. Auf seinen Wunsch findet keine offizielle Verabschiedung statt. Nach Schulschluss versammelt sich jedoch die ganze Schule auf Veranlassung von Konrektor Stern, um dem scheidenden Schulleiter ein letztes Lebewohl  zuzurufen. Dr. Tibbe stirbt am 18.9.1965. 

Über die Frage des Nachfolgers herrscht im Stadtrat keine Einigkeit. Die Mehrheit entscheidet sich für Rektor Jan Harm Kip aus Bentheim (7 Stimmen) und gegen Mittelschulkonrektor Hermann Stern von der eigenen Schule (6 Stimmen). Der Mittelschulrektor zur Wiederverwendung Gustav Witte, seit 13. 8. 1946 an der Schule, erhält keine Stimme. Die Einführung des Schulleiters erfolgt am 14.April 1953 durch Schulrat Portheine. Herr Kip ist in Bimolten geboren. Er war Lehrer in Georgsdorf und nach dem Kriege in Alte Piccardie. Er wurde 1949 Rektor der Ev. Volksschule Bentheim.

Quellen:

  • Schulchronik: Die Anfänge der Schule (1867 - 1946)

  • Schulchronik: Die Mittelschule von 1946 bis 1953

  • Jan Harm Kip, Auszüge aus der Schulchronik, 1962

  • Heinrich Eberhardt, Chronik der Schulen von Neuenhaus, 1994, Seiten 108 - 134

  • Artikel aus der örtlichen Presse, im Text angegeben