Grafschafter Schulgeschichte

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Jan Harm Kip: "Über mich selbst"

Auszüge aus: Jan Harm Kip: Lebenserinnerungen - aufgeschrieben mit 86 Jahren)

 

(...) Heimat ist dort, wo das Elternhaus steht, wo man die Muttersprache erlernt hat, wo man aufgewachsen ist. Ein Elternhaus ist mehr als ein Haus mit Türen und Fenstern. Es hat Menschen, die dort lebten, arbeiteten, dachten, planten und glaubten. Es gibt von dort her Erfahrungen und Erlebnisse, die uns verändern und prägen und die uns die Richtung unseres Lebens zeigen. Die Welt ist unendlich, und wir wissen, wenn wir über unsere bisherigen Grenzen hinüber sehen, genauer, was es auf sich hat mit unserem Dasein in dieser Welt, mit welchen Gedanken man sich in dieses Leben hinein tastet. Oft ist es eben wirklich nur ein Tasten! Wir erleben alle ein Leben, das uns gegeben ist, das wir höchstens gestalten können. Es ist oft ein Weg durch die Dunkelheit, in der aber Licht ist, das wir suchen müssen. (...)

Wie weit kann man sich in seine Kindheit zurückerinnern? Als ich drei Jahre war, wurde meine jüngste Schwester getauft. Das war ein besonderer Aufwand; mit dem Pferdewagen ging es zur Kirche. An diesen Aufwand erinnere ich mich noch sehr genau. Ich wollte unbedingt mit und nicht bei der Nachbarsfrau zu Hause bleiben. Die feste Erinnerung beginnt eigentlich erst mit der Schulzeit. Die vorhergehenden Lebensjahre haben keine allzu starken Erinnerungsspuren hinterlassen. Die Felder, die Wege, das Gras, die Wiese, das Getreide - die gesamte Landschaft, der Himmel, die Wolken, das war mein Zuhause! Da fühlte ich mich wohl. Meine Welt war die, die ich bewusst wahrnahm. (...)

Was ein Hof, und wenn er auch klein ist, an Arbeit fordert, habe ich früh erfahren und später mitgetragen. Da mein Vater eingezogen war, war es Mutters Aufgabe, für die ganze Familie zu sorgen. Sie musste melken, Roggenbrot und Schwarzbrot kneten, das wir später beim Bäcker backen ließen. Sie musste kochen, nähen, flicken, das Vieh füttern und die Felder beackern. Ich musste ab 10 Jahren mithelfen, Stroh in die Ställe bringen, dem Pferd Häcksel in die Krippe geben, Torf und Brennholz heranholen, Eier aus den Nestern nehmen, im Winter den Kühen Wasser geben. Hilfe hatte meine Mutter inzwischen durch meinen Vetter, der 1915 aus der Schule entlassen wurde. Die Arbeit bestimmte unser Leben. (...)

Der Philosoph und Pädagoge Eduard Spanger meinte, bis zum siebenten Lebensjahre würden die Grundelemente des Lebens bestimmt. Das ist auch meine Erfahrung. Alles weitere war nur Ernte aus einer trotz allem glücklichen Jugend, für die Gott noch Wirklichkeit war und geblieben ist. Der äußere Lebensgang ist weniger wichtig. Wichtiger ist, dass sich Lebensziele bilden, Überzeugungen formen, dass ein Sinn des Lebens gesucht und gefunden wird. Jeder Mensch muss nach seiner Art denken, denn er findet auf seinem Weg immer ein Wahres, das ihm durchs Leben hilft. (...)

Ich tat nach Möglichkeit immer eins nach dem anderen; und dann immer das Schwerste zuerst! Was ich nicht konnte, tat ich nicht. Ich habe meine Grenzen gesehen. ...

 

Quelle: Der Grafschafter, Heft 8/2001