Grafschafter Schulgeschichte 

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Die Neuenhauser Lateinschule

von Ruth Prinz

in: Neuenhaus, Ansichten und Einblicke, 2011, S. 338-343

In unserer Zeit hat das Englische die Bedeutung einer internationalen Sprache. Dementsprechend wird es in Deutschland auf allen Schulen gelehrt, zum Teil sogar schon im Kindergarten. Jeder, der sich auf internationalem Parkett bewegen will, muss Englisch beherrschen.

Die Funktion einer europäischen Sprache hatte im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit hinein das Lateinische. Allerdings war es nur eine dünne Oberschicht, die diese Sprache lernte. Für ein Studium oder einen gehobenen Beamtenposten war ihre Kenntnis unerlässlich. Die Sprache der Kirche, der Wissenschaft, der Universitäten war in ganz Europa die lateinische.

Auch aus Neuenhauser Familien gingen spätestens seit Anfang des 17. Jahrhunderts Söhne zum Studium der Theologie, der Rechte oder der philosophischen Fächer an die Universitäten, und zwar in erster Linie an die von Groningen. Zwischen 1616 und 1700 sind dort mindestens 25 Studenten eingeschrieben, die als Heimatort Neuenhaus angeben. (1)

Wo aber haben sie die nötigen Vorkenntnisse, besonders die Beherrschung der lateinischen Sprache, erworben?

Im Mittelalter lag die Vermittlung der lateinischen Sprache und anderen höheren Bildungsguts ganz überwiegend in der Hand der Klöster. Außerdem gab es immer Privatunterricht durch Hauslehrer, die sich natürlich nur begüterte Familien leisten konnten. Im Zuge der Reformation, die eine gewisse Grundbildung für alle Stände propagierte, ging das Schulwesen vielfach auf die Städte über, blieb aber grundsätzlich Aufgabe der Kirche. An vielen Orten entstanden sowohl allgemeine Schulen für die Unterweisung in den Elementarkenntnissen als auch so genannte Lateinschulen für den „gelehrten Unterricht“. An allen Schulformen war außerdem die Religion ein zentraler Unterrichtsgegenstand.

Die älteste Lateinschule in der Grafschaft Bentheim war die von Schüttorf. Sie bestand schon im 14. Jahrhundert, und zwar in städtischer Hand. (2)   

1588, im Zusammenhang mit der Einführung des reformierten Bekenntnisses durch Graf Arnold von Bentheim und der Aufhebung des Süsterklosters in Schüttorf, gründete dieser dort eine sog. schola classica oder Trivialschule, in der das Trivium (d.h. Grammatik, Rhetorik und Dialektik) gelehrt wurde.

Schon drei Jahre später verlegte er sie nach Steinfurt und gliederte ihr eine Oberstufe an, die schola publica. Dort konnten die Studenten theologische, juristische, philosophische, medizinische und mathematische Vorlesungen hören.  (3)  

Die kleine städtische Lateinschule in Schüttorf blieb jedoch erhalten. Etwa zu derselben Zeit gab es auch schon eine Lateinschule in Bentheim. (4)  

Auch in Neuenhaus hat es schon Anfang des 17. Jahrhunderts Lateinunterricht gegeben. Der Lehrer Johan Meiners war Deutsch- und Lateinlehrer in einer Person. Auf seine Frage nach dem Schulgeld, das er von den Kindern nehmen solle, antworten ihm die Bürgermeister im Februar 1614: Er könne von den „lateinischen Kindern“, die am weitesten fortgeschritten sind, einen halben Reichstaler (= 25 Stüber) pro Halbjahr fordern, von den mittleren 20 Stüber, von den unteren 12 Stüber, von den deutschen und von den Mädchen ebenfalls je 12 Stüber. Da er schon seit 6-7 Jahren zur Zufriedenheit des Rates seine Arbeit ausgeführt habe, ebenso wie seine Vorgänger, wird ihm das Grundgehalt von 26 auf 28 Taler verbessert und außerdem jährlich zwei Müdde Roggen gewährt. (5)

Ein Jahr später entschließen sich die Neuenhauser Stadtväter auf Drängen und mit Unterstützung des gräflichen Hauses, einen eigenen Lateinlehrer anzustellen. (6)  Hier, am Sitz der Verwaltung der Niedergrafschaft, gab es Beamtenfamilien, Pastoren, Richter, Kaufleute, die ihre Söhne studieren lassen wollten und denen die Lateinstunden des Elementarlehrers wohl nicht genügten. In eigenen Lateinschulen war schon die Unterrichtssprache Latein, und die Kinder lernten im Zusammenhang mit der lateinischen Sprache auch das Lesen und Schreiben.

Für Schulen gab es in dieser Zeit keinerlei staatliche Vorschriften – Inhalt und Art des Unterrichts, Zugangsbedingungen, Prüfungen u.a. waren den jeweiligen Betreibern freigestellt. Die Lehrer waren meist junge Theologen, die (noch) keine feste Pfarrstelle hatten. Das bedingte allerdings einen häufigen Wechsel der Lehrer – so auch in Neuenhaus. Deren – bescheidenes – Jahresgehalt von ca. 100 Reichstalern setzte sich aus städtischen und kirchlichen Mitteln, Zuschüssen des Grafen, Stiftungen, Pachten, Naturalien und einem beträchtlichen Beitrag der Schüler zusammen. Immer wieder erwähnt wird das Legat eines Popko de Rhoda aus Friesland, der in den 30er Jahren des 17. Jahrhunderts Kirche und Lateinschule in Neuenhaus 500 Gulden vermacht hat. (7) Dieses Geld hat die Stadt als Darlehen genommen und mit 5% jährlich verzinst, so dass sie regelmäßig mit 25 Gulden (= 10 Reichstalern) zum Unterhalt des Lateinlehrers beitrug. (8) 

Es wird eine kleine Schule gewesen sein mit einem einzigen Lehrer, genannt Rector oder Praeceptor, der Schüler verschiedenen Alters in einem Raum unterrichtete. Auch dieser Unterricht konnte wohl Grundkenntnisse in der lateinischen Sprache vermitteln, aber nicht ausreichen, um die Schüler, auch im Hinblick auf weitere Kenntnisse, für ein Studium genügend vorzubereiten. Deswegen gehen immer wieder Neuenhauser Söhne im Alter von etwa 10-15 Jahren nach Lingen oder in andere größere Lateinschulen. (9)

Über die Neuenhauser Lateinschule sind nur wenige Nachrichten erhalten geblieben, aber einige Namen von Lehrern sind überliefert.

1656 wird ein „lateinischer Schulmeister“ namens Werner Reimerinck erwähnt. Er könnte identisch sein mit dem Steinfurter Stipendiaten Werner Reimeringh 1613 (10) und mit dem gleichnamigen „geborenen Bürgersohn aus Steinfurt“, der mit seiner Frau Fenna Brugmans 1642 in Neuenhaus das Bürgerrecht erwirbt. (11) 

1663 bittet die Stadt, anlässlich des Todes des Lateinlehrers und der geplanten Einstellung eines neuen, den Grafen um finanzielle Unterstützung. Der Graf gewährt eine Erhöhung seines Beitrages in Form von Grundstücken, deren Ertrag für die Bezahlung des Lehrers herangezogen werden soll. (12)

Es war offensichtlich nicht einfach, einen neuen Lehrer zu bekommen. Verschiedene Namen werden erwogen – ein Bernhard Crassus aus Laar oder sein Sohn Wilhelm, ein Georgius Langenhert aus Vollenhove, gebürtig aus Bentheim – aber anscheinend konnte erst 1668 wieder ein Lehrer eingestellt werden, nämlich Justus Gangolphus Orlandus. Von diesem ist die Bestallungsurkunde erhalten. (13)

Darin wird vereinbart, dass der Lehrer nicht nur in der lateinischen Sprache unterrichten, sondern auch Schreib- und Rechenstunden halten, der Stadt als Sekretär und der Kirche bei Bedarf als Kantor dienen soll. Als Gehalt werden ihm 100 Reichstaler im Jahr zugesagt. Er muss sich verpflichten, mindestens zwei Jahre in Neuenhaus zu bleiben. Für den Fall, dass ihm danach eine besser bezahlte Stelle angeboten wird, wird eine halbjährige Kündigungsfrist vereinbart. Er wird 1668 in der reformierten Kirche in Neuenhaus zum Abendmahl zugelassen mit dem Eintrag:“Dominus Justus Gangolphus Orlandus Rector olim Luthericus“. Dass er bisher Lutheraner war, zeigt, dass man unter den Reformierten wohl keinen Lehrer gefunden hat. (14) Auch dieser Lehrer hat Neuenhaus wohl bald wieder verlassen. Danach scheint die Stelle wieder einige Jahre vakant gewesen zu sein. Im Jahre 1675 hat der Rat ermittelt, wie viele Kinder bzw. Eltern an einem Lateinlehrer interessiert sind, und das Ergebnis hat ihn von neuem einen Lehrer einstellen lassen. (15).

Von diesem Rector wissen wir etwas mehr als von Gangolphus Orlandus. Er heißt Petrus Hudwohl und ist Sohn des verstorbenen Petrus Hudwohl, ehemals Prediger zu Mörsbach im Fürstentum Simmern. Er entstammt einer pfälzischen Familie, von der schon im Jahre 1397 ein Mitglied in Heidelberg studiert hat. (16)

Der in Heidelberg 1605 als „Petrus Hutwol, Merrsbacensis Simeranus“ eingetragene Student könnte sein Großvater oder sein Vater sein. Der Neuenhauser Rector ist vielleicht identisch mit dem Petrus Hudwolt, der 1651 mit einem Stipendium in Steinfurt studiert. (17)

1624 gab es in Neuenhaus einen Pastor Johann Hüdwohl aus Simmern in der Pfalz, der 1629 nach Bentheim ging. (18) Er kommt sicher aus derselben Familie. Zur reformierten Pfalz, dem Herkunftsland des Heidelberger Katechismus, gab es gute Beziehungen.

Rector Petrus Hudwohl wäre vielleicht länger in Neuenhaus geblieben – er hat nämlich hier geheiratet, und zwar im Jahre 1676 Geertjen van Dorsten, Tochter des verstorbenen Neuenhauser Bürgermeisters Jan van Dorsten. 1677 wird die Tochter Maria Hudwohl in Neuenhaus getauft. Doch schon bald darauf muss der Rector gestorben sein. Die Neuenhauser Kirchenbücher notieren 1679 eine erneute Heirat der „weduwe van sael. Petrus Hudewolt, in sijn leven geweesen Rector van de latijnse school alhier“. Sein Tod ist nicht dokumentiert; er muss in die Zeit zwischen Oktober 1677 und April 1678 fallen – in dieser Zeit weisen die Kirchenbücher (bedingt durch einen Pastorenwechsel) eine Lücke auf.

Nach dem Tod von Rektor Hudwohl scheint der Neuenhauser Pastor Nikolaus Metelerkamp (der älteste dieses Namens) den Lateinunterricht selbst übernommen zu haben. Mehrfach klagt er in den Kirchenratsprotokollen über „misbetalinge wegen sijnen Rectoraetdienst“. Die Bürgermeister, die qua Amt Mitglieder des Consistoriums sind, sollen sich darum kümmern. Auch die Witwe von Hudwohl und der 1681 eingestellte Lehrer Hindrikus Pröbsting aus Lingen klagen über ausstehende Zahlungen der Stadt.

Deutsch- und Lateinschule waren offenbar nicht strikt getrennte Einrichtungen. 1683 klagen die Lehrer Pröbsting und Jan Reimerink – der Sohn des früheren Lateinlehrers Werner Reimerink - gemeinsam über den schlechten Zustand des Schulgebäudes. Es muss in der Nähe des Uelser Tors gelegen haben. (19)

Ein Neubau wird begonnen, „daer in te gelijcke 3 Scholen souden konnen gehouden worden“. (20) Diese sind wohl die Lateinschule, die Schule für die „deutschen Jungen“ und die für die Mädchen. Die Ausführung des Baues stößt auf Schwierigkeiten; über eine Fertigstellung wird nichts berichtet. Interessant ist, dass es auch abendliche Unterrichtsstunden gab, in denen „soo wel borger als bouren jonges“ unterrichtet werden sollten. (21)

Im November 1681 lesen wir die Bemerkung: „Is goet gevonden, dat de Latijnsche jongens op den Bone tegen over den Predickstoel alleen souden geplaest worden.“ Der Grund dafür wird wohl derselbe gewesen sein, der auch heute noch die Prediger darauf Wert legen lässt, die Konfirmanden im Blick zu haben!

Von 1695 bis 1711 ist dann Nikolaus Metelerkamp II, der Sohn des vorigen, Adjunkt-Prediger der Gemeinde und Rector der Lateinschule. 1711 übernimmt er eine Pfarrstelle in Uithuizen. (22)

1780 wird Noah Büchler als neuer Adjunkt-Prediger der reformierten Gemeinde Neuenhaus berufen. Als „jüngster Prediger“ ist er zugleich qua Amt „Lateinischer Rector“ und bekommt die dazugehörige Bezahlung. (23)

Verschiedene Hinweise legen es nahe, dass die Schule wenig später ihren Betrieb eingestellt hat:

Im Sterberegister wird beim Tod von Pastor Cappenberg 1790 erwähnt, dass er Jünglinge in den Sprachen unterwiesen hat, um sie auf den akademischen Unterricht vorzubereiten. Wegen einer schwachen Stimme war Pastor Cappenberg schon 1780 aus dem Predigtdienst ausgeschieden. Ob er den Lateinunterricht als Rector anstelle des „jüngsten Predigers“ erteilt hat oder als Privatlehrer, wird nicht deutlich.

Als 1808 nach dem Tod von Pastor Büchler ein neuer Prediger berufen werden soll, erkundigt sich der Kandidat Kuipers, ob es in Neuenhaus zu seinen Aufgaben gehöre, Jünglinge in den Sprachen zu unterweisen. Der Kirchenrat antwortet ihm, das könne nach Belieben geschehen (24) - also gehört es nicht zu seinem Amt.

Zur gleichen Zeit wird von der Behörde des Großherzogtums Berg, zu dem Neuenhaus seit 1806 gehört, in der Mairie Neuenhaus/Lage eine Erhebung zum Schulwesen durchgeführt. Darin werden als bestehende Schulen die beiden einklassigen Hauptschulen in Neuenhaus und die Schule in Lage genannt, außerdem eine Privatlehrerin, die in Neuenhaus hauptsächlich Französisch- und Handarbeitsunterricht erteilt. Eine weitere Schule wird nicht erwähnt (StAO Dep. 61 b Nr. 724).

Stattdessen gibt es hin und wieder Notizen über Privatunterricht – die klassische Form des gelehrten Unterrichts früher und in wohlhabenden Familien oft grundsätzlich:

1825 legt der 1805 in Neuenhaus geborene Johann Bernhard Feltrup Bening ein Zeugnis vor, dass er als Vorbereitung auf das Theologie-Studium Privatunterricht von dem Kandidaten (des Predigtamts) Heidelberg bekommen habe. (25)

Auch der 1823 geborene Hendrik Lodewijk Criegee hat als Kind in Neuenhaus „den gewöhnlichen Schulunterricht“ genossen, aber zusätzlich Privatunterricht „in den alten und neuen Sprachen sowie in der Geschichte und Geographie“ bekommen, als Vorbereitung für den Besuch des Gymnasiums in Lingen. (1)

Im Jahre 1830 fordert die Landdrostei Osnabrück vom Oberkirchenrat der Grafschaft Bentheim einen Bericht über die Existenz von Lateinschulen in ihrem Bereich an. Die Antwort lautet: es gibt nur zwei, nämlich in Bentheim und in Schüttorf. (27)

Fünf Jahre später fragt die Landdrostei beim Magistrat in Neuenhaus an, ob, und wenn ja, welche Privatlehr- und Erziehungsanstalten für Knaben über 14 Jahren sich in Neuenhaus befinden. Ihr wird geantwortet, es gebe seit zweieinhalb Jahren eine Privatschule mit acht Schülern im Alter von 9-16 Jahren, unterrichtet von einem jungen Kandidaten der Theologie. Die Schüler erhalten wissenschaftlichen Unterricht, der sie vorbereitet auf den Besuch der Untersekunda eines Gymnasiums. (28)

Etwa in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts stellt Carl Funck (Richter in Uelsen von 1797 bis 1804) Listen von Grafschafter Beamten zusammen. Darin finden sich auch Rektoren der Lateinschule von Schüttorf und von Bentheim, nicht aber von Neuenhaus. (29)

Gerhard Hehenkamp schreibt in seinen „Jugenderinnerungen eines Grafschafters“ (S. 139): „Etwa mit meinem 15. Lebensjahre erhielt ich beim Herrn Kaplan Privatunterricht zur Vertiefung der Schulfächer, sowie im Französischen und Lateinischen.“

1865 schließlich errichtet der Lehrer Lüppe in Neuenhaus eine Privatschule größeren Stils. Da er aber schon 1870 Neuenhaus verlässt, um eine Stelle an einer öffentlichen Schule anzunehmen, und sein „Gehülfslehrer“ Bierhorst im Januar 1872 stirbt, liegt auch diese Schule wieder darnieder.

Jetzt ergreifen Neuenhauser Bürger, angeführt von den reformierten Pastoren Mennenga und Lucassen, die Initiative, bei der Stadt Neuenhaus die Errichtung einer „öffentlichen zweiklassigen höheren Bürgerschule“ zu beantragen. (30)

Bei der Begründung dieses Wunsches erwähnt Pastor Mennenga, dass es zur Zeit (Februar 1873) vier Privatlehrer in Neuenhaus gebe: zwei evangelische mit Abitur, einen katholischen mit Abitur und einigen Semestern Studium und einen evangelischen ohne Abitur. Für die weibliche Jugend behelfe man sich z.T. mit Gouvernanten. Er beklagt, dass diese Hilfslehrer häufig wechseln und manchmal „in sittlicher Beziehung gar viel zu wünschen übrig“ lassen. Diese Umstände zeigten, wie dringend eine öffentliche höhere Bürgerschule erforderlich sei.

Deren Ziel soll sein, auf den Besuch der Tertia eines Gymnasiums oder der Sekunda einer Realschule vorzubereiten. Sie soll auch insgesamt eine höhere Bildung vermitteln, als die Volksschule es kann, und deswegen auch Mädchen offenstehen. (31)

Die Stadt ist dafür aber auf Unterstützung des Staates angewiesen. Um den staatlichen Organen des neu gegründeten Deutschen Reiches eine solche schmackhaft zu machen, heißt es in der Begründung des Antrags der Stadt Neuenhaus an den „Königlichen Oberpräsidenten“: Eine solche Schule würde dazu beitragen, holländische Sitten, Gebräuche und Vorstellungen (und die Sprache) wieder über die Grenze zurückzudrängen und dafür Liebe zum Vaterlande einzubürgern. (31)

Die Stadt ist willens und imstande, mit Hilfe des von den Kindern gezahlten Schulgeldes einen Lehrer einer solchen Schule zu bezahlen. Die Bezahlung des zweiten Lehrers aus staatlichen Mitteln wird zugesichert, aber für das Schulgebäude soll die Stadt selbst sorgen. An dieser Bedingung wäre das Unternehmen fast gescheitert, wenn sich nicht der Neuenhauser Arzt Dr. Johann Anton Köhler bereit erklärt hätte, für den Schulbau 2000 Taler zur Verfügung zu stellen. Er kann einen weiteren Sponsor finden: Gerhard Hendrik Roessingh, geboren 1803 in Neuenhaus und entfernt mit Anton Köhler verwandt, übt als Kaufmann in Bremen gleichzeitig das Amt eines niederländischen Konsuls aus. Er stiftet 1000 Taler für den Schulbau. Mit Hilfe eines Darlehens von weiteren 1000 Talern kann die Stadt nun hinter dem Rathaus ein Schulgebäude errichten. Als Dank an die beiden Förderer wird eine Tafel graviert, die heute etwa an der Stelle dieser inzwischen abgerissenen Schule aufgestellt ist.

Der Unterricht kann 1875 beginnen. Die Schule bietet auch Unterricht in Fremdsprachen an, und zwar Französisch, Latein und etwas Englisch. Dieser Unterricht ist fakultativ und muss mit einem höheren Schulgeld extra bezahlt werden. Wer nach einigen Jahren auf ein Gymnasium gehen will, muss dafür Privatunterricht im Griechischen nehmen.

Der erste Leiter der neuen Schule wird Johann August Staehle. Er stammt aus Hessen, hatte sich als Offizier im Krieg von 1870/71 hervorgetan und danach einige Jahre als Privatlehrer gewirkt. In Neuenhaus heiratet er eine Niederländerin. Der 1877 in Neuenhaus geborene Sohn Wilhelm schlägt eine militärische Laufbahn ein, erkennt während des Krieges den Wahnsinn der nationalsozialistischen Politik und arbeitet heimlich mit dem Widerstand zusammen. Die Herkunft seiner Mutter begünstigt Beziehungen auch zu niederländischen Widerstandsgruppen. 1944 wird er verhaftet und kurz vor Kriegsende erschossen. (33)

Die neue Schule wird anfangs gut besucht. Zeitweise sinkt aber die Schülerzahl so sehr, dass ihr Fortbestehen gefährdet ist. Doch sie kann sich halten und bekommt wieder mehr Zulauf. Unter dem Namen „Rektorschule“, später „Mittelschule“, dann „Realschule“ wird sie 1971 Bestandteil der „Kooperativen Gesamtschule Neuenhaus“, die ab 2004 ausläuft. Die Realschule war danach wieder selbstständig. Jetzt ist sie mit der Hauptschule vereinigt.

1967 wird in Neuenhaus ein Gymnasium gegründet. Seit 1969 gibt es an dieser Schule auch Lateinunterricht, der jetzt aber nicht mehr für jedes wissenschaftliche Studium erforderlich ist.

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Anmerkungen und Quellen

(1) Album Studiosorum Academiae Groninganae, Groningen 1915

(2) Ludwig Edel, Von der Lateinschule oder dem städtischen Gymnasium in Schüttorf, BJb 1961, S. 34 ff.

(3) Hans Jürgen Warnecke, Das Arnoldinum. In. Reformiertes Bekenntnis in der Grafschaft Bentheim 1588-1988, Bentheim 1988, S. 259 ff., bes. S: 269

(4) Wilhelm Hagerott, Die Lateinschulen in der Obergrafschaft Bentheim. In: Reformiertes Bekenntnis in der Grafschaft Bentheim 1588-1988, Bad Bentheim 1988, S. 245 ff. -  Hans-Jürgen Schmidt, Die Lateinschule in Bentheim. In. Der Grafschafter 2002, S. 19 f.

(5) StAO Dep. 61b Nr. 720

(6) Text: StAO Dep. 61b Nr. 120, S. 261 f. 

     Heinrich Specht, Die Gründung der Neuenhauser Latein- und Rektorschule. Grafschafter Heimatkalender 1932 S. 30 ff.

     Ludwig Sager, Die Geschichte der Neuenhauser Schulen. In: Grafschafter Nachrichten vom 7.12.1950

(7) Quelle: verstreute Nachrichten in den Protokollen des Kirchenrats der reformierten Gemeinde Neuenhaus

(8) Stadtrechnungen: StAO Dep. 61 b Nr. 530 ff.

(9) Siehe den Artikel „Neuenhauser Schüler in Lingen und ihre Familien“, S...

(10) Heinrich Voort, Stipendiaten des Steinfurter Gymnasium Arnoldinum 1592-1653, BJb 1979 S. 39-43

(11) Bürgerbuch der Stadt Neuenhaus 1573-1730, StAO Dep. 61 b Nr. 207 a

(12) StAOs Rep. 61 b Nr. 723

(13) StAO Dep. 61b, Nr. 723

(14) Register der neuen Kommunikanten 1668

(15) Staatsarchiv Osnabrück, Dep. 61 b, Nr. 723

(16) Gustav Toepke, Die Matrikel der Univ. Heidelberg, Heidelberg 1886

(17) Heinrich Voort, Stipendiaten des Steinfurter Gymnasiums Arnoldinum 1592-1653. BJb 1979 S. 39 ff.

(18) 300 Jahre Ev.-ref. Kirche in Neuenhaus 1684-1984, S. 22 

(19) Im Protokoll vom Oktober 1686 wird erwähnt: ein Garten, gelegen vor dem Uelser Tor, genannt Oelwall, zwischen der deutschen Schule und der Stadtgracht.

(20) Protokoll vom 10. Juni 1682

(21) Protokoll vom 2. Dezember 1682

(22) Duinkerken, W., Sinds de Reductie in Stadt en Lande van Groningen. Biografisch-genealogisch Lexicon van de Predikanten die sinds 1594 de gereformeerde en (sinds 1816) de Hervormde gemeenten tussen Eems en Lauers hebben gedient. 1969

(23) StAO Dep. 61 b Nr. 707

(24) Protokoll des Kirchenrates vom 27. Juni 1808

(25) Hermann Hagels, Herkunft und Verwurzelung der Familie Bening in der Grafschaft Bentheim. BJb 1965, S. 50

(26) Anm. Helmut Müller, Engelbert Criegee (1825-1879) aus Neuenhaus – Pastor in Schüttorf und Emden, BJb 2003, S. 74 f.

(27) Hagerott, Ref. Bekenntnis..., S. 250

(28) StAO Dep. 61b Nr. 726

(29) StAO Msc 288

(30) StAO Dep. 61 b Nr. 729 – Eingabe an die Stadt Neuenhaus vom 16. Januar 1872

(31) StAO Dep. 61 b Nr. 729 – Text vom 10.2.1873

(32) ebd., Schreiben vom 26.2.1872

(33) Ger van Roon, Wilhelm Staehle – Ein Leben auf der Grenze, München 1969