Grafschafter Schulgeschichte

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Von der Lateinschule zur Rektorschule in Neuenhaus 

von Georg Kip

Die große Bedeutung des Schulunterrichts ist in der Grafschaft Bentheim schon früh erkannt worden, und wenn man sich in die Geschichte unseres Schulwesens vertieft, so ist es geradezu erstaunlich, feststellen zu können, dass die Landesherren schon vor siebenhundert Jahren Wert darauf legten, die Jugend unterrichten zu lassen. Namentlich Graf Arnold II., der die Reformation einführte, stand diesen Dingen sehr aufgeschlossen gegenüber. Er hatte 1604 die vornehmsten Männer seines Landes, vor allen Dingen die Pastoren, zu einer Besprechung nach Schüttorf gebeten, um mit ihnen zu beraten, wie die von ihm geplante konfessionelle Umstellung - von der lutherischen zur reformierten Lehre - bewerkstelligt werden solle und die Ansicht seiner Berater dazu zu erkundigen. Volle acht Tage lang, vom 12. bis 19. Dezember 1604, berieten die gelehrten Männer in der Schüttorfer Kirche alle Dinge, die mit der Neuordnung zusammenhingen, und dabei wurde auch die Zukunft der Schulen im Bentheimer Land erörtert. Schon damals, also vor reichlich 350 Jahren, wurde die Nützlichkeit und Notwendigkeit der allgemeinen Schulpflicht anerkannt und gefordert. In unserer Grafschaft war man vor dem Dreißigjährigen Kriege also vielen anderen deutschen Ländern auf erzieherischem Gebiet weit voraus. Um bei der in vielen Familien herrschenden Armut und bei der wahrscheinlich vielfach bestehenden inneren Abneigung gegen den Schulzwang ihn dennoch durchführen zu können, führte der Graf nicht nur die Schulgeldfreiheit ein, sondern ließ sie durch die kirchlichen Organe auch kostenlos mit Unterrichtsmitteln versehen.

Um ein Auge darauf zu halten, ob der Schulzwang auch eingehalten würde, wurde z. B. im folgenden Jahre (1605) den Lehrern zur Pflicht gemacht, darauf streng zu achten. So hieß es in einer Verfügung an den Lehrer Nordbeck in Bentheim, dass er sich bei seinen Schulkindern danach erkundigen solle, "welche Knaben nit zur Schule gehen und stets auf der Straße liegen und lieberei treiben, auch daß darnach die Alten vorbeschieden und ermahnt werden." Allenthalben im Lande wurde den Kirchenältesten zur Pflicht gemacht, darauf zu achten, dass die Kinder  zu Schulen und guten Ämtern geführt würden.

Die guten Absichten und der gute Wille des Grafen und seiner Berater konnte vor 350 Jahren wahrscheinlich aber nur einigermaßen in den Städten und Dörfern durchgeführt werden; auf dem platten Lande ließ sich die Schulpflicht angesichts der allgemeinen Verhältnisse, insbesondere wegen des Fehlens von Schulen und Lehrern, wohl kaum im vollen Umfange durchsetzen. Immerhin zeigten die Beschlüsse und noch mehr ihre Auswirkungen, dass man im Bentheimer Lande sich sehr wohl der Bedeutung eines regelmäßigen Unterrichts bewusst war.

Schon der Nachfolger des Grafen Arnold II., Graf Arnold Jobst, richtete seine Blicke über das Volksschulwesen hinaus. Mit Sorge hatte er beobachtet, dass neben den allgemein bildenden Schulen Vorbereitungsanstalten für die die Aufnahme eines Studiums fehlten. In Bentheim und Schüttorf besaß man 1613 bereits solche "Lateinschulen", in Nordhorn und Neuenhaus bestanden sie noch nicht. Graf Arnold Jobst verhandelte lange mit den Neuenhauser hochmögenden Herren, und im Jahre 1615 fassten die vier damals amtierenden Bürgermeister in der Dinkelstadt den entscheidenden Beschluss. In ihm, der noch heute im Wortlaut vorliegt und der 1932 im Heimat- Kalender durch Heinrich Specht wiedergegeben wurde, lesen wir, welche Mühe sich Graf und Oberkirchenrat gegeben haben, die Lateinschule für Neuenhaus durchzusetzen.

Im folgenden Jahre, also 1616, erfolgte die Gründung. Zu den Deutschlehrern traten jetzt die Lateinlehrer. Die Stadt gab für die Schule jährlich 30 Reichstaler oder 75 Gulden aus, auch der Graf gab Zuschüsse. Weitere Mittel konnten durch Sammlungen aufgebracht werden. Angesehene Bürger mussten mit einem Sammelbuch durch die angrenzenden Städte und Gemeinden der Niederlande und der angrenzenden deutschen Nachbargebiete reisen, um Unterstützungen für den guten Zweck zu erreichen. Die Verwaltung des dadurch zusammengeflossenen Schulvermögens behielt sich der Rat der Stadt vor, wie er auch das Recht für sich in Anspruch nahm, Einkünfte des Lateinlehrers zu erhöhen oder herabzusetzen.

Die 1616 ins Leben gerufene Lateinschule in Neuenhaus hat seitdem, also rund 350 Jahre, bestanden. Sie hat viele Schicksale erlebt, und die Zeitläufte haben ihr gewiss oft genug böse zugesetzt. Aber allen Stürmen der Zeit hat sie standgehalten. Aus der Lateinschule wurde die Rektorschule, aus der Rektorschule die Mittelschule, aber immer waren sich verantwortungsvolle Männer dessen bewusst, dass eine weiterbildende Schule in Neuenhaus unbedingt vonnöten war. Sie ist zu allen Zeiten den oft wechselnden Ansprüchen gerecht geworden. Am schwersten hatten es die um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert tätigen Lehrer an der Rektorschule. Von ihnen wurde fast Unmögliches verlangt; denn die Eltern erwarteten für ihre Kinder die Vorbildung für das humanistische wie für das Realgymnasium, für die Realschule wie für die Handelsschule. Dabei kamen die Kinder der gleichen Klassen nach Lingen, nach Rheine, nach Osnabrück. Jede dieser Anstalten stellte gewiss andere Bedingungen an die aufzunehmenden Schüler, aber überall war es so, dass die damalige Rektorschule Neuenhaus bei ihnen allen im höchsten Ansehen stand. Wie viele "ehemalige" Neuenhauser Rektorschüler arbeiteten sich in ihren neuen Klassen an die Spitze. In Osnabrück war es, als der Verfasser dieser Betrachtung als ehemaliger Rektorschüler das Realgymnasium besuchte, fast selbstverständlich, dass die Neuenhauser Primus in ihrer Klasse waren! Jahrelang haben sie das Ansehen ihrer alten Schule auf diese Weise in hohen Ehren gehalten. Das Geheimnis dieser überragenden Leistung war wohl, dass Hauptmann Staehle und Fritz van den Bosch ihre Schüler rein individuell unterrichteten. Sie konnten das, weil die Zahl der zu Unterrichtenden klein war und die beiden Lehrer genau wussten, in welcher Weise sich die Eltern der Schüler deren Weiterführung dachten. Es war ohnehin immer nur eine geringe Prozentzahl der Rektorschüler, die "weiter" wollten, auch aus den kleinen Klassen wurde eine strenge Auswahl getroffen. Diejenigen aber, die sich bei den hohen Anforderungen durchsetzten, wurden dann genau auf die Schulart vorbereitet, die ihre Eltern wünschten.

So kamen immer nur die Besten auf auswärtige höhere Schulen, und sie verblüfften dort dann meistens durch ihr breites Allgemeinwissen und ihre Sonderkenntnisse in ihren Lieblingsfächern. Die Rektorschule in Neuenhaus hatte sich unter Staehle und van den Bosch, der vor allem ein glänzender Mittler deutscher Literatur war, allenthalben einen guten Namen erworben. Übrigens war ihr Ansehen so hoch, dass in der kleinsten Rektorschule des Kreises damals oft genug Schüler aus der Ober- und Mittelgrafschaft ihre Wissensgrundlage zu verbreitern suchten.

Hauptmann Staehle wurde während des Unterrichts vom Schlage getroffen, Fritz van den Bosch starb als Rektor in Laasphe. Die Schule selbst erhielt im Zuge der späteren Schulformen eine andere Struktur. Aber immer und immer hat sie sich durchgesetzt; sie war und blieb für die Niedergrafschaft ein kultureller Mittelpunkt. Wenn das jetzt durch einen würdigen, zweckentsprechenden Neubau nach außen unterstrichen wird, den der Mittelschulzweckverband der Niedergrafschaft errichten ließ, so darf sich die Bevölkerung dazu beglückwünschen. Sie hat jetzt die Gewähr dafür, dass für die heranwachsenden Geschlechter in Neuenhaus eine Schule geschaffen wurde, die breite Schichten der Kinder auf der Grundlage einer guten mittleren Ausbildung, für ihre Zukunft, für ihr Leben fördern will und kann.

Quelle: Georg Kip; Die Geschichte der Neuenhauser Mittelschule - Vom Grafschafter Schulwesen in alter Zeit; Beilage zur Schulchronik der Mittelschule Neuenhaus, 1958.