Grafschafter Schulgeschichte

1863 - Bis zum Jahre 1859 besteht der nördliche Bereich der Gemeinde Itterbeck nur aus Heideflächen. Nur am Norden sind von Itterbecker Bauern einige Wiesen angelegt. Bis 1863 entstehen hier dann 23 Neubauernstellen durch Zuzug von Bauernsöhnen aus den umliegenden Ortschaften. Da es 27 schulpflichtige Kinder gibt, gründet man 1863 die Schulgemeinschaft Ratzel. Die Schule wird auch von den Siedlerkindern des westlichen Teils der Gemeinde Wilsum besucht.

Der erste Lehrer ist H. Lahuis, der von 1863 bis 1888 in Ratzel tätig ist. In einem Schreiben des Königlichen Oberkirchenrates vom 11. Oktober 1865 heißt es (Abschrift in: Otto Schumacher,  Auszüge aus der Schulchronik, 1962):

"Abschrift für den Schulmeester in Ratzel
Von den uns mittels Bericht vom 5. d. Mon. für die Schulstelle zu Ratzel vorgeschlagenen drei (Bewerbern), übertragen wir hiermit das Amt eines reformierten Volksschullehrers zu Ratzel dem bisherigen (eingewiesenen) Lehrer daselbst, Lahuis aus Hesingen, verpflichten aber denselben noch wenigstens 2 Jahre den Fortbildungs-Unterricht an der Vorbildungsschule zu Neuenhaus in den Monaten Juni und Juli zu besuchen und dahin zu streben, daß er nach Abschluß der zwei Jahre dahin gelangt, sich der zweiten Prüfung vor uns unterwerfen zu können. Ist alsdann das Resultat der Prüfung befriedigend, so wird demselben die Definitive-Anstellung erteilt werden.

Das Diensteinkommen, das bis auf weiteres mit der Schulstelle verbunden ist, besteht
1. in freier Benutzung der Dienstwohnung,
2. in der Nutznießung der mit der Schulstelle verbundenen Ländereien,
3. in 40 r.Talern jährlich, welche aus der Königlichen Generalkasse fließen,
4. in einer Einnahme von 1 r.Taler aus jedem von Reformierten bewohnten Hause zu Ratzel mit der ausdrücklichen Bestimmung, daß, wenn mehrere Familien ein Haus bewohnen, diese nur zusammen 1 r.Taler zu bezahlen haben,
5. in freiem Mittags- und Abendtisch bei den reformierten Eingesessenen in den Monaten Oktober, November, Dezember, Januar, Februar und März und zwar so, daß dieser Tisch alle 7 Tage wechselt.
Nordhorn, den 11. Oktober 1865
Königlicher Oberkirchenrat
gez. Unterschrift"

Der erste Unterricht findet in einem Zimmer eines Kolonisten statt. Als dies nicht länger angeht, kauft die Regierung in Hannover eine geräumige Scheune in Uelsen und schenkt diese der Schulgemeinde zur Benutzung als Schulhaus. Dem unverheirateten Lehrer werden hierin zwei Zimmer eingeräumt.

1874 - Die preußische Regierung schenkt der Gemeinde eine Lehrerwohnung. Die Einrichtung eines Schulgebäudes wird immer dringender, aber aus eigenen Mitteln ist die Gemeinde dazu nicht in der Lage.

1888 - Die dem Lehrer Lohuis nachfolgenden Lehrer bleiben jeweils nur kurze Zeit in Ratzel: R. Großmann, Wawrowsky, Kösters, jeweils ein Jahr, dann ab 1892 C. Plate, ab 1896 A. Arnink, ab 1897 W. Simon, ab 1898 Lehrer Meyer, ab 1902 Lehrer Söte, ab 1903 H. Bosmann, der kurz zuvor seine Prüfung in Aurich bestanden hat und bis 1907 bleibt. Die jungen Männer sind zumeist an den Lehrerseminaren in Osnabrück oder Aurich ausgebildet worden.
Offenkundig haben sie aber Probleme mit der abgeschiedenen Lage ihres Dienstortes.

Abzulesen ist an einer Eintragung in der Schulchronik anlässlich einer Weihnachtsfeier: "Leider fehlt es der Gemeinde an jeglichem Verkehr mit der Außenwelt, ... Straßen und Eisenbahnen wären für die hiesige Gemeinde wünschenswert, aber sie sind und bleiben auch für die Zukunft ein schöner Traum". An anderer Stelle findet sich die Eintragung: "In der Herbstzeit waren die Wege durch den anhaltenden Regen für Fußgänger fast unpassierbar gemacht, sodass viele Schüler jeden Morgen völlig duchnässt ankamen ud infolgedessen Erkältungen und Husten viele von der Schule fernhielten".

Erwähnenswerte Ereignisse treten in der abgelegenen Gemeinde nur selten auf. Die Schulchronik spricht in den folgenden Jahren nur von Sedansfeiern, Geburtstagen des Kaisers, von Ausflügen und Weihnachtsfeiern.


Eine Schulklasse in Ratzel 1890, Lehrer wahrscheinlich Wawrowsky, Quelle: G. Elbert

1894 - Die Königliche Regierung stellt die notwendigen Mittel im vollen Umfang für den Neubau einer einklassigen Schule und für die Lehrerwohnung zur Verfügung.

1907 - Es kommt der Lehrer Blekker, der später Rektor in Uelsen wird.

1913/1920 - Für Lehrer Blekker, der nach Hoogstede geht, kommt Lehrer Paalmann aus Brandlecht. Zu Kriegsbeginn muss er die Schule Egge mit versorgen. Im Schuljahr 1915/16 wird er zum Militärdienst eingezogen, "trotzdem er für unabkömmlich erkärt worden war". Die Schule hat 66 Kinder. Der Unterricht fällt zunächst für 4 Wochen aus. Dann übernimmt Lehrer Ziegler (aus dem Kreis Wittlage) "für die Dauer des Krieges" die Vertretung. Anfang 1918 wird die Verwaltung der Schule Lehrer Arens übertragen. Lehrer Ziegler kehrt nach Wittlage zurück. Vorübergehend hat dann Lehrer Budde aus Esche die Stelle inne, bis Lehrer Paalmann am 24. Februar 1920 aus französischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrt. Er erhält Erholungsurlaub und übernimmt mit Beginn des neuen Schuljahres (15. April) wieder die Arbeit an der hiesigen Schule. Das Schuljahr beginnt mit 63 Kindern, 25 Knaben und 28 Mädchen. 

1920 - Es findet erstmals die Wahl eines Elternrates statt. Die geistliche Schulaufsicht wird aufgehoben. Rektor Valentin aus Osnabrück wird Schulrat in der Grafschaft. Damit geht ein lang gehegter Wunsch der Lehrerschaft in Erfüllung.

1921 - Lehrer Paalmann wird Hauptlehrer in Bakelde. Dem Lehrer Pöttker folgt kurz darauf Lehrer Wolter. In der Schulchronik wird besonders vermerkt, dass ein Telefonanschluss nach Ratzel kommt: "Itterbeck Nr. 6".

1927 - 22 Haushalte in Ratzel werden an das Stromnetz angeschlossen. Es gibt viele Diskussionen um den Bau einer festen Straße von Wilsum über Ratzel nach Wielen. Dieser erfolgt jedoch erst 1932/33.

1928 - Lehrer Wolters wird nach Höcklenkamp versetzt. Es folgen Lehrer Dunkmann bis 1931 und Lehrer Imsieke.

1933/1945 - Über die Zeit des Nationalsozialismus enthält die Schulchronik keine Eintragungen. Sie enden mit dem Schuljahr 1932/33 und werden erst mit dem Schuljahr 1951/52 fortgesetzt.


Die Volksschule Ratzel,  Aufname von Herrn Friedrich, Uelsen, Datum unbekannt.

1951 - Am 1. August 1951 wird Lehrer Royer von Ratzel nach 16-jähriger Tätigkeit nach Höcklenkamp versetzt, um den eigenen Kindern den Besuch einer höheren Schule zu ermöglichen. Er ist 1935 nach Ratzel gekommen. Sein Nachfolger wird Karl-Heinz Schrödter (siehe: L-C-Schrödter), der spätere Rektor der Freiherr-vom-Stein-Realschule. Er beginnt wieder mit dem Schreiben der Schulchronik. Die Zahl der Kinder beträgt 42, 17 Jungen und 15 Mädchen. Für Herrn Schrödter steht der naturkundliche Unterricht im Vordergrund, der mit vielen Wanderungen in die nähere und weitere Umgebung verbunden ist. Er führt einen modernen Erstleseunterricht ein. Das Äußere der Schule wird in eine "Schule im Grünen" (nach Schulrat Portheine) umgewandelt. So werden 1954/55 200 Pappelstecklinge  und 30 amerikanische Eichen in einen Pfanzkamp eingesetzt, um sie später am Schulweg auszupflanzen. 

1954 - Lehrer Schrödter wird an die Mittelschule in Nordhorn versetzt. Sein Nachfolger wird der Lehrer Otto Schumacher, der vorher 9 Jahre in Ohne tätig war.

1955 - Im Schuljahr 1955/56 besuchen 35 Kinder aus Ratzel die Schule; dazu kommen 18 Gastschulkinder aus Wilsum. Die Schulchronik berichtet von den immer wiederkehrenden schulischen Ereignissen.

1962 - Im Schuljahr 1962/63 schult die Gemeinde Wilsum alle 20 Gastschüler nach Wilsum um. Die Grundschüler werden mit dem Bus gefahren, während die größeren Kinder das Fahrrad benutzen müssen. In Ratzel verbleiben noch 28 Schüler.

1963 - Die Kinder des 7. und 8. Schuljahres werden in die neu errichtete Mittelpunktschule in Wilsum umgeschult. Die Schule Ratzel wird erweitert: Aus einem Wohnzimmer der Lehrerwohnung wird ein Gruppenraum gemacht. Die Fenster der Klasse werden erneuert und vergrößert. Klasse und Wohnung erhalten Fußbodenheizung.

1966/1967 - Lehrer Schumacher tritt in den Ruhestand, unterrichtet aber wegen des Lehrermangels bis zum Ende des nächsten Kurzschuljahres weiter. Ab Schuljahr 1967/68 übernimmt Friedrich Huisken aus Wilsum den Unterricht in Ratzel. Da er weiter in Wilsum wohnt, steht die Lehrerwohnung leer.

1971/1972 - Ab 1.9.1971 unterrichtet Lehrer Huisken nur noch 18 Stunden in Ratzel und 10 Stunden in Wilsum. Ein erfolgreicher Unterricht ist nicht mehr gewährleistet. Da die Regierung wegen des bestehenden Lehrermangels nicht bereit ist, für 15 Schüler eine Lehrkraft zur Verfügung zu stellen, wird die Schule nach Elternversammlungen und regen Diskussionen über die weitere schulische Entwicklung im Raum Wielen - Ratzel - Itterbeck - Wilsum zum 31.7.1972 geschlossen. Die 16 Kinder werden nach Wilsum umgeschult. Lehrer Huisken wird auf eigenen Wunsch ebenfalls an die Mittelpunktschule Wilsum versetzt. Damit endet die Geschichte der Schule Ratzel nach 109 Jahren ihres Bestehens.       

Quellen:

  • Otto Schumacher, Auszüge aus der Schulchronik, 1962

  • Heinrich Eberhardt, Schule, Land und Leute der Samtgemeinde Uelsen im Spiegel der Schulchroniken, 1985; Nr. 4.2.9 Ratzel, Seiten 328 - 337

  • Frank Heinemann, Das Schulwesen in Itterbeck.In:750 Jahre Itterbeck, Das Bentheimer Land, Band 168, Seiten 249 -252